Der Verlust des Zeitgefühls als Freiheitsgewinn

Sein Zeitgefühl verliert man stufenweise, wobei zwischen drei verschiedenen Stufen unterschieden werden kann. Zuerst verliert man das Gefühl für das aktuelle Datum. Danach für den Wochentag und schließlich für die Tagesstunde. Wobei natürlich auch eine andere Reihenfolge denkbar ist. Sitzt man beispielsweise an einem spannenden Buch, so ist man sich oftmals noch bewusst über den Wochentag und das Datum, jedoch verliert sich das Gefühl für die Zeit während man sich idealerweise in der Handlung verliert.

Ich bin der Meinung, dass der Verlust des Zeitgefühls mit einem gesteigerten Freiheitsempfinden einhergeht. Geht einem die Fähigkeit abhanden das aktuelle Datum anzugeben, wie es jeder beim Urlaub wohl schon einmal erlebt hat, dann verbindet man dies gleich mit Freiheit. Freiheit von der Fessel der Terminlichkeit, Freiheit vom drohenden Ende eines Monats durch das Wissen um einen baldigen Donnerstag den 31.
Dann erst der Verlust des Gefühls für den Wochentag. Der räudige Montag oder der doch immer etwas melancholische Sonntagabend. Alles vergessen und dadurch bedeutungslos. Auch das muss als Gewinn von Freiheit angesehen werden.
Der Monat, die Woche und schließlich der Tag werden einem freier, ungebundener und in der Gestaltung dadurch offener. Wenn es keine Rolle mehr spielt, ob es gerade Samstag der 14. Februar ist oder Dienstag der 3. Mai, so fällt damit so viel Alltäglichkeit weg und die Freiheit des Tuns und Handels vergrößert sich in ungeahntem Maße.

Auf einer einjährigen Weltreise geschieht der Verlust des Zeitgefühls ganz automatisch und ich bin mir über die Einzigartigkeit dieses Vorgangs bewusst. Jeden Tag die Freiheit zu besitzen, bestimmen zu können wie man sich den Tag gestaltet, ist ein Luxus, der nicht vielen Menschen gegeben ist. Dies verbunden mit der Tatsache ständig Neuem ausgesetzt zu sein, ständig neuen Input zu bekommen macht das Reisen so besonders. Von den fast schon nebensächlichen Tatsachen, wie das Treffen unbekannter, interessanter Menschen und dem täglichen Genuss fremder, meist ebenso interessanter Speisen abgesehen. (Ich übergehe hierbei bewusst eintönige Abschnitte, in denen man sich hauptsächlich von Reis mit Bohnen ernähren darf)

Doch das angesprochene Gefühl der Freiheit, das an den Verlust des Zeitgefühls gekoppelt ist, geht mir nun, wo das Ende meiner Reise absehbar ist, ein wenig verloren. War mir in den ersten Monaten das Ende nie wirklich vor Augen, es vielmehr ein weit in der Zukunft liegender Zeitpunkt, so änderte sich das nach Ablauf der ersten sechs Monate. Ich begann erst die restlichen Monate und kürzlich auch die verbleibenden Wochen zu zählen. Nun bin ich sogar bald an einem Zeitpunkt angekommen, an dem ich den restlichen Verlauf des Trips minutiös planen muss, um meinen Flug nach Brasilien und später den Weiterflug nach London antreten zu können. Etwas was ich in den letzten elf Monaten immer zu verhindern gewusst habe.
Und doch verspüre ich keinen Wehmut, was, wenn man sich die Einzigartigkeit des letzten Jahres vor Augen hält, auch reichlich vermessen wäre. Schließlich darf man nicht davon ausgehen ein Leben, wie das meine des letzten Jahres auf Dauer führen zu könne. Ich freue mich vielmehr auf das für mich nun wieder Unbekannte in der Heimat, auf meine Familie und meine Freunde und die neuen Aufgaben die mich daheim erwarten. Und doch weiß ich, dass ich im Begriff bin ein erhebliches Stück Freiheit aufzugeben. Und nichts verliert man mit stärkerem Widerwillen als die Freiheit, mit der zu leben man sich gewöhnt hat.

Wenn ich nach Hause komme heißt es einen Job und meine finanzielle Unabhängigkeit zu suchen. Wenn ich ehrlich sein soll, graust es mir ein wenig bei der Vorstellung nun für längere Zeit unbeweglich mindestens 45h die Woche in einem Ort festzuhängen. Egal welchen Job ich finden werde, keiner wird mir die geistigen und seelischen Reize des letzten Jahres bieten können. Klar lernt man auch dort neue Menschen kennen und es werde neue, interessante Ansprüche an einen gestellt, denen man gerecht werden muss, aber das alles wird den Verlust der Freiheit, der Freiheit über seine Zeit und seine alltägliche Beschäftigung kaum aufwiegen können.

Denkt man den von mir zu Beginn erläuterten Gedanken zu Ende, so liegt darin vielleicht die Lösung. Es muss mir nur gelingen mich in meiner neuen Tätigkeit, in meinem neuen Leben zu verlieren. Das Gefühl für die Zeit irgendwo liegen zu lassen und zu vergessen, dass heute Montag der 14. Februar und morgen Freitag der 13. November ist. Für jeden einzelnen Tag gilt dann das gleiche. Verliere ich das Gefühl für die Stunden des Tages, so vermag ich daraus vielleicht ein wenig meines jetzt empfundenen Freiheitsgefühls in den Alltag hinüberzuretten. Vielleicht. Ich werde es erleben.

Posted in Südamerika 6 years, 9 months ago at 01:35.

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