Alt und heilig

Seit dem letzten Eintrag haben wir bereits dreimal das Zimmer und zweimal den Ort gewechselt. Nun sind wir in der heiligen Stadt Varanasi, einem 3 Millionen Moloch an den Ufern des Ganges. Die letzten Reisen verliefen beinahe ereignislos, nicht zuletzt auch, weil wir für unsere letzte Etappe nach Kajuraho den unbequemen Regierungs-Bus gegen ein Privattaxi eingetauscht haben.

Die Tempelstadt Kajuraho, die für ihre erotischen Tempelverzierungen bekannt ist, besuchten wir für drei Tage. Unser Eindruck war leider wenig positiv, da der Tourismus hier beinahe alle Natürlichkeit der Menschen und des Ortes hat verschwinden lassen. Neben den uns aus Goa und Hampi bekannten Annäherungsversuchen diverser Shop-Besitzer, lernten wir in Kajuraho noch andere Methoden kennen, den Touristen Geld aus der Tasche zu locken. Schon am ersten Tag lernten wir diverse Inder kennen, die uns scheinbar ohne Hintergedanken ansprachen und uns kennenlernen wollten. Mit zweien verbrachten wir sogar einen ganzen Abend mit Bier und lokal angebautem Gras. Doch hinter der freundlichen Fassade steckte – nicht nur bei diesen zwei – immer der Gedanke, Geld zu verdienen. So lud man uns scheinbar als Freundschaftsdienst zu einer Motorad-Tour durch die Gegend ein. Wir lehnten vorerst ab und erst später wurde klar, dass das Ganze nur eine Masche war, als wir das gleiche Angebot noch von vier weiteren Jungen bekamen. Auch ein harmloser Spaziergang ins nächste Dorf wurde gleich genutzt um uns netterweise in die lokale Schule zu führen, in der wir um Spenden für den Schulausbau gebeten wurden. All diese Beispiele allein, wären kein Grund Kajuraho in negativer Erinnerung zu behalten. Aber die Tatsache, dass jedes Gespräch, jeder Blick und leider auch jeder Tritt aus dem Hotel mit nervigen Angeboten und getarnten Verkaufsgesprächen verbunden war, lies uns die Abfahrt gestern morgen leichter fallen, als wir es sonst gewohnt waren.

Ich glaube der Hintergrund für unsere Erfahrung ist der krasse Kontrast zwischen Arm und Reich. Das Dorf an sich ist winzig und wir das halbe Jahr über mit Touristen überflutet, von denen Viele in den nahegelegenen fünf-Sterne-Hotels logieren. Das Geld ist demnach im Überfluss vorhanden und muss den Besitzern nur noch kreativ aus der Tasche gezogen werden. Auf genau das hat sich das Ganze Dorf folglich spezialisiert. Indien, wie wir es kennengelernt haben, ist irgendwo bei diesem Prozess verloren gegangen.

Heute Morgen sind wir mit dem Zug um fünf Uhr morgens in Varanasi angekommen. Die Nacht war kurz und auf den Stockbetten im Zug, die nicht nur mich an Gefängniszelle erinnert haben, relativ unruhig. Von Varanasi jedoch war ich bislang positiv überrascht. Ich hatte eigentlich ein versifftes Loch, wie das in Mumbai oder Hyderabat erwartet, die Tatsache aber, dass viele Straßen für Autos gesperrt sind, macht das Gedränge und die vielen Inder um einiges erträglicher. Unsere Ankunft pünktlich zum Sonnenaufgang über dem Ganges war perfekt getimed. Die Farben waren fantastisch und die Temperaturen noch unter 25 Grad. Ich hoffe, ich konnte ein wenig davon in meinen Bildern einfangen. Unsere ersten Leichenverbrennungen konnten wir auch schon „genießen“. Unser Hotel liegt dabei direkt an einem der unzähligen Ghats, den breiten Stufen runter zum Gangesufer, an dem die Gläubigen sich rituellen Waschungen unterziehen und die Menschen ihre Wäsche waschen. Praktischerweise direkt neben den Überresten der Verbrannten, die einfach ins Wasser geworfen werden. Wir sind uns noch unsicher, ob wir hier unsere Wäsche waschen lassen…

Posted in Indien 8 years, 1 month ago at 14:24.

5 comments

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5 Replies

  1. Titatobi Okt 29th 2009

    waaahnsinnig gute Bilder! Im Ernst, bin ganz hin und weg!

  2. Roland R. Okt 30th 2009

    Alex, apropos Wiedergeburt: der Knabe mit der Brille – ist das nicht dein Papa, dunkel geschminkt???
    Bin wirklich begeistert von deinen Bildern. Viele Grüße, R.

  3. HUHU
    die Bilder sind diesmal wirklich top! Ich seh’s schon kommen: du gingst als Amateur und kehrst zurück als angehender Profi; zumindest was die Photographie angeht (das schreibt sich mittlerweile sicher mit vielen ‘f’s…) VAIN!
    Rolands Kommentar bezüglich des letzten Bildes (der Knabe mit der Brille UND dem Bart) trifft meiner Meinung nach voll ins Schwarze! Der gute Mann sieht wirklich aus wie Jürgen; das hatte ich mir bereits unabhängig vom vorangehenden Post gedacht! Vor allem, bin ich mir sicher, dass der lächelt, aber man siehts einfach nic’ ^^…. Das nenn ich mal ne Futterbremse xD

    Wunderbar zu sehen, wie der Mo weiter zuwächst =)
    Der bekommt ja schon Hamster-Bart-Bäckchen hehe!

    Liebe Grüße aus DA-City
    Der Lange

  4. … oje wasn Post… muss dringend was gegen die bestehende Dehydrierung tun…. AIAIAI

  5. stebbo Nov 2nd 2009

    @alex: NO SPITTING hätt sich früher auch gut gemacht aufm kontakthof:-) ich liebe den zeitungsausschnitt: überhaupt kein plan, was irgendwas bedeutet, und mittendrin zwei altbekannte gesichter:-)
    take care,
    ste


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