Archivbeiträge für Juli, 2010.

In Ecuador

Südamerika. Der letzte Abschnitt meiner Reise. Der Beginn war wie immer auf einem neuen Kontinent etwas seltsam. Wegen schlechten Wetters konnte unsere Maschine nicht wie geplant in Quito landen und musste deshalb nach Guayaquil ausweichen. Die größte Stadt Ecuadors hatten wir eigentlich nicht in unserer Grobplanung vorgesehen. Schon gar nicht am Flughafen um drei Uhr nachts. (Wer übrigens die offizielle Bezeichnung des Flughafens fehlerfrei aussprechen kann, darf sich der spanischen Sprache mächtig heißen: Aeropuerto de Guayaquil José Joaquin de Olmedo) Netterweise schenkte American Airlines dem gesamten Kabinenraum eine Nacht im nahegelegenen Marriott Courtyard. Leider konnten wir den Luxus mit Flachbildschirm und Handtuchüberfluss nicht wirklich genießen, da unser Rückflug nach Quito schon fünf Stunden später anstand.

Quito unterscheidet sich grundlegend von Panama City oder San José. Erstens fehlt es der Stadt am tropischen Klima und zweitens merkt man ihr ihre koloniale Geschichte noch deutlich an. Auf 2800m nur 20km südlich des Äquators gelegen, erstreckt sich die Stadt auf einem schmalen Plateau scheinbar ewig in die Länge. So dauerte die Fahrt mit dem Bus von unserem zentral gelegenen Hostal hin zum südlichen Busbahnhof über eine Stunde. Und doch hat Quito dank seinem neuen Stadtkern mit den Shoppingmalls und Restaurants ein modernes Gesicht, das dem von Panama City oder San José ähnelt. Meist schmucklose Betonzweckbauten prägen dann das Stadtbild und wirkliche Anziehungskraft will sich nicht einstellen. Vielleicht vermag Lima hier mehr Eindruck zu hinterlassen.

Womit Ecuador mich jedoch sogleich beeindrucken konnte, waren seine Berge. Die Anden laufen breit von Nord nach Süd durchs Land, dessen höchste Spitzen über 6000m erreichen. Von Quito bewegten wir uns den Bergen folgend langsam Richtung peruanische Grenze. In Latacunga, der zentralen Stadt der Provinz Cotopaxi (zugleich der Name des überall sichtbaren Vulkans mit 5800m)stoppten wir, um den Quilotoa Loop zu „machen“ – frei übersetzt nach einem Ausdruck eines fellow travellers, der auf die Frage wo er gerade herkomme antwortete: „I did the Quilotoa Loop!“. Quilotoa ist der Name eines Dorfes und eines auf 3900m gelegenen Vulkansees. Beide liegen (dicht beieinander) im Westen der Provinz etwa 80km von Latacunga entfernt. Zum Loop wird das Ganze bei einer Rundfahrt von Latacunga aus mit dem See als äußerste Station. Mehrere Siedlungen und Dörfern auf dem Weg, die wenn auch zu unmenschlicher Zeit (3-4 Uhr morgens), so doch alle von Bussen angefahren werden, lassen viele Variations- und Gestaltungsmöglichkeiten zu. Wir fuhren nach Insinlivi, einem kleinen Dorf mit 300 Einwohnern, wo wir zwei Tage blieben. Das einzige Hostal im Ort war das sog. Llullu Llama, ein sehr schmuckes Häuschen, da stark an eine schweizer Berghütte erinnerte. Die Eigentümer waren in Latacunga und eine Familie aus der näheren Umgebung kümmerte sich um den Betrieb.. Fünf Zimmer hatte das Haus, die direkt an ein gemütliches Wohnzimmer grenzten. Das Bad befand sich in einem Anbau, der nur über den kleinen, am Nachmittag sehr lieblichen Garten zugänglich war. Die Küche konnten wir leider nicht benutzen, vielmehr gab es morgens und abends zwei feste Mahlzeiten für uns. (Was dazu führte, dass wir spätestens um eins anfingen Chips und Kekse zu essen, da ein richtiges Mittagessen nirgendwo aufzutreiben war.) Neben uns verbrachte nur Ruth, eine amerikanische Kunstlehrerin aus Colorado die Nacht dort. Vom namensgebenden Lama, zwei Schweinen, einem Hund und einer Katze abgesehen. Der erste Abend wurde nach dem reichlichen Abendessen faul vor dem Ofen verbracht. Sofas, alte Sessel und zwei Bücherregale luden fast zwingen dazu ein.
Die fast heimelige Atmosphäre sollte den zweiten Abend leider nicht mehr überleben. Aus drei wurden zwölf vor dem gemütlichen Ofen und die fünfköpfige amerikanische Familie (plus Schwester des Oberhauptes, alles Lehrer), ein stark mitteilungsbedürftiges australisches Ehepaar (beide Lehrer) und zwei neuseeländische Schwester verwandelten die Szene mit englischem Geschnatter in etwas völlig anders.

Die nächsten zwei Tage verbrachten wir mit Ruth zusammen im Gelände. Es galt riesige Canyons zu überqueren und gleich darauf über die nächste Bergkette das Tal zu wechseln. Bei wunderschönem Wetter ging das so sieben Stunden lang, aber die fantastischen Ausblicke entschädigten uns für die Anstrengungen. Den Weg nach Gilotoa am zweiten Tag mussten wir nach drei Stunden abbrechen, da es zu regnen anfing und da noch drei Stunden Bergsteigens zu absolvieren waren, führen wir mit einem Lehrer der örtlichen Dorfschule den Rest des Weges in seinem Pick-Up. Zuvor galt es aber vom Fluss am Fuße eines der breiten Canyons hinauf zu dessen Rand zu klettern. Wirkliche Wege, denen man folgen konnte, gab es dabei nicht. Vielmehr hatten wir die Wahl zwischen vielen mehr oder weniger breiten Pfaden den Hang hinauf. Wie gewöhnlich gab es einen Hauptpfad, den vor allem die Esel und Pferde nehmen sowie unzählige Abkürzungen, die steil hinauf führten.
Auf dem sandigen Boden findet man auf diesen (vor allem als zwei Meter großer Mensch) bisweilen kaum Halt, so dass man sich streckenweise gezwungen sieht auf Händen und Füßen irgendwie nach oben zu gelangen. Warum ich nicht den „einfacheren“ Eselpfad genommen habe? Weil wir unseren Weg mit einer Horde Grundschulkinder teilten, die den einstündigen Aufstieg an fünf Tagen der Woche zu unternehmen hatten und ausgelassen spielend immer den direktesten Weg zu nehmen schienen. Mit der Überzeugung doch wenigstens die Fitness von sechsjährigen zu besitzen, versuchte ich anfangs mit ihnen Schritt zu halten, sah mich aber bald mit der Wirklichkeit und der Ausdauer dieser Kletterbande konfrontiert und gab mein Vorhaben auf.
Man stelle sich einmal deutsche Schulkinder mit einem derartig höllischen Schulweg vor. Jeden Tag 500 Höhenmeter runter und am Mittag wieder hoch und das auf rutschigen, unbefestigten Pfaden, deren Steilheit jeden falschen Schritt zum letzten werden lassen kann. Dieser Gedanke hat mich damals dazu veranlasst ein kleines Mädchen anzuhalten, das mit offenen Schnürsenkeln allzu nah am Abgrund herumtollte, um ihr ihre Schuhe zu binden. Was deutsche Eltern wohl dazu sagen würden?

Den letzten Tag des Treks ging es dann nach einer eiskalten Nacht (das kleine Holzöfchen und die vier Wolldecken konnten leider nicht über die 4000 Höhenmeter hinwegtäuschen) einmal um den Quilotoa Kratersee.
In dem kleinen Dörfchen Quilotoa war an fast jedem Haus ein Schild mit der Aufschrift ‘Hostal’ zu sehen und überhaupt schien der Touristrom, dem wir bislang fast vollständig aus dem Weg zu gehen im Stande gewesen waren, hier seinen Höhepunkt zu finden. Wir teilten uns das Abendessen mit geschätzten 40 Leuten, zu viele davon aus dem Amiland (man merkt das immer zugleich an den affektierten oder ‘That´s amazing!’ Aussprüchen am Nachbartisch)
Trotzdem trafen wir auch nette Menschen. Einen deutschen FSJ´ler, der ein Jahr an der ecuadorianischen Küste verbracht hatte und jetzt ein wenig Urlaub machte sowie Francesc, einen schlaksigen Katalanen, mit dem wir noch heute unterwegs sind. (Er lieg im Übrigen gerade mit Malaria im Krankenhaus hier – nicht so doll -_-)
Der Trek um den Krater sollte unsere schon etwas angeschlagenen Körper noch einmal fordern. Auf 4000m ging es in sechs Stunden immer der Kraterlinie folgend um den See. Sie war leider alles andere als gradlinig und wir musste bei teils starkem Wind wieder einmal ein ständiges Hoch-und-Runter erdulden. Und doch machte das Ganze sehr viel Spaß. Die Landschaft ist atemberaubend und die Kletterei belohnt einen nach jedem Gipfel mit neuen Ausblicken (meistens auf einen steilen Pfad den Fels hinunter und den nächsten ebenso teil hinauf).
Nach einer kurzen Nacht ging es am nächsten Morgen um halb fünf zurück nach Latacunga. Das deutsche Halbfinale sollte um neun beginnen und in Quilotoa hatte es leider keinen Fernseher. Was tut man nicht alles für den Fußball?

(Nur um dann heute von einer miesen Leistung der Deutschen enttäuscht zu werden. Jetzt heißt es: Alle Unterstützung gilt den Oranjes!!!)

Posted 7 years, 3 months ago at 04:10.

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