Archivbeiträge für den Freitag, Juni 4th, 2010.

Über das Reisen

Der Begriff „Reisen“ in seinem eigentlichen Sinne bedeutet für mich die aktive Fortbewegung von einem Ort zum nächsten ohne sich länger als zwei Tage an einem Ort aufzuhalten. So gesehen ist der Verlauf meiner Weltreise bislang nur teilweise eine wirkliche Reise. Oft nämlich verweilt man ein einem Ort, genießt den Stillstand und die Ruhe und bewegt sich nicht weit weg von seinem improvisierten Zuhause. Denn Reisen ist auch anstregend. Auch wenn man das daheim mit seinem acht Stunden Arbeitstag anders beurteilen mag. Jeden Tag Neuem ausgesetzt zu sein, sich einen neuen Platz für die Nacht suchen zu müssen und am nächsten Morgen den Rucksack wieder packen zu müssen. All das schlaucht auf die Dauer.
Entscheidet man sich jedoch zu reisen, so hat man die Wahl zwischen den verschiedensten Fortbewegungsmitteln, vom Fußmarsch bis hin zum Flugzeug. Jedes unterscheidet sich hinsichtlich der Dinge, die man sieht und erfährt und der Menschen die man auf der Reise trifft. Für beides verantwortlich zeigen sich die Kosten und vor allem die Geschwindigkeit einer Reise. Je langsamer man sich fortbewegt, desto mehr erlebt man, desto enger ist der Kontakt zu den Menschen, die in der Region leben, die man durchreist. Im Folgenden also ein Plädoyer gegen die Flugreise und für die simpleren Formen der Fortbewegung (oder doch anders herum?)

Fährt man beispielsweise mit einem Boot, so besteht die Einzigartigkeit der Reise in der Kombination aus beständiger, schneller Fahrt und der Möglichkeit, wie beim Gehen, seine Umwelt zu betrachten. Kein Autodach nimmt den Blick zum Himmel und kein Glas versperrt die Sicht auf die umgebende Umwelt. Die Flussreisen im Norden Honduras waren eben dieser Art. In einem langen Boot durchstreiften wir mal enge Kanäle, die sich durch den dichten, feuchten Dschungel zogen. Mal breite Lagunen, deren Ausmaß den Horizont wie den des Meeres erschienen ließ. Das einzige Geräusch ist das des Motors und nur die brennende Sonne lässt einen von Zeit zu Zeit aus seinen Gedanken schrecken, wenn sie sich hinter den Wolken hervorschiebt.
Es gibt jedoch auch andere Bootsfahrten. Wenn nämlich die Zahl auf dem kleinen Motor am Heck des Fahrzeugs nicht 40, sondern 200 anzeigt, ist dies ein eindeutiger Hinweis für den Verlauf der Fahrt. Nicht beschauliches Dahingleiten, sondern ein harter Ritt erwartet einen dann. Motor und Kapitän unserer letzten Bootsreise nach Puerto Limpira, der „Hauptstadt“ der Miskitos im Nordosten von Honduras, schienen dann auch noch eine perfekte Symbiose eingehen zu wollen. Ein junger, muskulöser Miskito, der Spaß daran hatte mit seiner übergroßen 9mm Pistole in die Luft zu schießen, während er mit Vollgas durch enge, dicht bewachsene Wasserstraßen heizte, ist fast schon das perfekte Klischee für den Fahrer eines 200PS Motors. Spaßig war es trotzdem, zu mindestens solange bis wir auf die nächste Lagune stießen, in der der Wind das Wasser zu kleinen Wellen auftürmte. Hier fühlt sich eine Fahrt mit geschätzten 60km/h dann nicht mehr so lustig an. Bei jeder Welle fühlt man sein Rückgrat ein Stückchen nach oben wandern und spürt förmlich die blauen Flecken an seinem Hinterteil entstehen.
Wieder anders sind Busfahrten hier in Zentralamerika. Alte, ausrangierte amerikanische Schulbusse werden sowohl für den Stadtverkehr, als auch für größere Strecken gebraucht. Das Reisen in den bunt angemalten Bussen, in denen ein Jesusbild den anderen den Platz über dem Fahrersitz streitig zu machen scheint, ist immer ein Erlebnis. Schon vor dem Beginn der Fahrt wird man von den verschiedensten Verkäufern dazu angehalten Früchte und kalte Getränke zu kaufen. Langsam schieben sich die Männer und Frauen durch den engen Bus und preisen ihre Waren an: „Helados, Helados. Solo cinco Peso“. Die Tatsache, dass man meist schon der vierte Eisverkäufer innerhalb der letzten zehn Minuten ist, der durch den Bus läuft, schreckt die Menschen dabei nicht ab, es trotzdem noch einmal zu versuchen. Dann gibt es auch immer wieder Prediger, die mal mit geschlossenen Augen, mal mit zum Himmel gestreckten Händen Gott lobpreisen und anschließend durch den Bus laufen, um Spenden zu sammeln.

Leider ist das Reisen in diesen Bussen für mich nicht immer angenehm, da es sich – wie schon gesagt – um alte Schulbusse handelt, die für kleine Kinder und nicht für 2m große Männer konzipiert worden sind. Mit Glück erwischt man eine Bank, deren Abmessung es erlaubt sich tatsächlich gerade in selbige zu quetschen. Man kann sich dann zwar nicht mehr bewegen, aber bei kurzen Strecken bleibt das Ganze erträglich. Anders jedoch bei meiner letzten Busfahrt. Von Puerto Cabeza, im Osten Nicaraguas nach Managua, der Hauptstadt des Landes sind es knapp 500km. Auf deutschen Autobahnen eine Strecke, die man in fünf bis sechs Stunden hinter sich bringen kann. Für uns sollte die Reise jedoch 19 Stunden dauern. Man kann sich den Zustand der „Straße“ vorstellen, die die Dauer für eine solche Strecke dermaßen in die Länge zieht. Zeitweise fühlte es sich, als ob der conductor sich einen Pfad in diesem Meer aus Schlaglöchern und tiefen Pfützen suchen musste. Wild schaukelnd fuhr man so die ersten sechs Stunden auf einer schmalen Schotterpiste durch eine riesige Ebene. Nichts als spärliches Gras und vereinzelte dünne Bäume waren zu sehen. Um zehn Uhr mittags gestartet kam man gegen fünf Uhr abends zur ersten größeren Siedlung, wo der erste und einzige Stop dieser qualvollen Reise stattfinden sollte. Nach dem typischen Essen, das aus Reis mit Bohnen, Krautsalat und Hühnchen bestand sowie einem Besuch des im Garten gelegenen Plumpsklos ging es auch schon weiter. Das Problem ist nicht der nicht vorhandene Platz für die Beine, sondern vielmehr das Fehlen jeglicher Kopfablage. Wer schon einmal 19 Stunden ohne Kopfablage in einem alten Schulbus über die Felder Nicaraguas gefahren ist, wird das bestätigen können. Man wird müde, aber das beständige Schaukeln lässt einen keinen Schlaf finden und irgendwann gibt man es auf es weiter zu versuchen. Die letzten 13 Stunden verbringt man dann in einer Art komatösem Dämmerzustand, aus der man dann gegen Morgen doch noch in Schlaf überzugehen vermag.

Spätestens hier fragt man sich dann, warum man nicht einfach die knapp 70€ mehr für ein Flugticket bezahlt hat. Statt 19 Stunden im Bus fliegt man die Strecke so in 1,5 Stunden. Statt total gerädert, steigt man beinahe erfrischt aus seinem Flugzeug und verbringt den Tag nicht im Bett, sondern kann die Stunden für Sinnvolleres nutzen (Bei 40°C durch Managua laufen, beispielsweise). Und doch: Fliegen geht gar nicht. Wird man nicht gerade dazu gezwungen, stellt jede Flugreise eine Art Kapitulation dar. Wer das wirkliche Reisen, also die Fortbewegung durch Land mit Leuten, nicht erträgt, der soll doch bitte zuhause bleiben. Ich bin schließlich kein Tourist, sondern Backpacker!

Posted 7 years, 6 months ago at 03:27.

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