Archivbeiträge für Juni, 2010.

Nicaragua, Panama und eine Nacht im Merriott

Es ist schon wieder einige Zeit seit dem letzten Eintrag vergangen. Inzwischen haben wir drei (vier mit den USA) Länder hinter uns gelassen und ich befinde mich jetzt offiziell auf dem letzten Teil meiner Reise.
Nicaragua und Panama sowie eine eintägige Reise durch Costa Rica waren die letzten Stationen in Mittelamerika. Während Nicaragua noch einiges an Charme besaß, gefiel mir Panama nicht mehr so gut. Zu sehr sieht alles aus wie in den USA, besonders in Panama City, wo sich eine Hochhausfront vor dem Meer auftürmt und eine Shoppingmall neben der anderen aus dem Boden sprießt. Aber nicht nur die Hauptstadt erinnert an den großen Bruder im Norden, auch kleinere Dörfer (jedoch nie klein genug, um nicht noch einen riesen Wal-Mart dort unterzubringen) werden von amerikanischen Rentnern überrannt, die sich Swimmingpools vor ihre Häuser stellen und ihre fetten SUVs zum Einkaufen vor dem Wal-Mart parken. Alles nicht so meins. Da habe ich Guatemala besser in Erinnerung, wo sich eine eigene Kultur etabliert hat, die zwar unleugbar von der amerikanischen beeinflusst, jedoch nicht von ihr ersetzt worden ist.

Es gab jedoch auch schöne Passagen in Panama. So war der Besuch des Panama-Kanals sehr beeindruckend und unser kurzer Abstecher nach San Blas, einem weitläufigen Archipel, das von den Kuna bewohnt wird, wohl meine schönste Insel-Erfahrung überhaupt. Man stelle sich vor der Küste verteilte Inseln vor, auf denen zwischen zwei und vielleicht dreihundert Palmen stehen. Unsere Insel gehörte wohl zu den größeren, jedoch war auch sie in vielleicht 15min umrundet. Drei Familien lebten auf hier noch ausschließlich vom Fischfang (und natürlich von uns) und ohne Strom und Wasser fühlte man sich stellenweise wie auf einer einsamen Insel. Für 15$ am Tag wohnten wir in unserer eigenen Hütte und bekamen drei Mahlzeiten am Tag (Darunter zweimal frischer Fisch mit Reis und Bohnen) und irgendwie hatte unser Gastgeber einen Kühlschrank auf Gasbetrieb umgebaut, so dass es sogar kaltes Bier zu trinken gab. Was braucht es mehr für eine gute Zeit? Leider hatte es keinen Fernseher, so dass wir das erste Deutschlandspiel im kolumbianischen Radio hören mussten. Ein Moderator mit unmenschlicher Sprechgeschwindigkeit und in die Moderation eingebaute Werbeunterbrechungen (”Banco Columbia. Este es su banco”) alle zwanzig Sekunden – kein Spaß! – machten daraus leider kein großes Vergnügen. Die vier Toren (GOOOOOOOOOOOOOOOL!!!11) haben wir dann aber doch mitbekommen.

Nach einem kurzen Besuch beim Arzt, der uns beiden Gardia, eine Parasitenart, diagnostizierte ging es dann in den Flieger Richtung Ecuador. Wir sollten gegen halb elf abends in Quito landen, jedoch hatten wir eine Stunde Verspätung und über Quito war es dem Piloten zu Wolkig, so dass wir in den Süden des Landes zum nächsten Flughafen ausweichen mussten. Um halb eins Nachts dort angekommen wurde uns mitgeteilt, dass wir nicht mehr weiter fliegen würden und wir alle im Marriott-Hotel nahe des Flughafens untergebracht werden sollten. Nach weiteren zwei Stunden des Wartens ging es dann per Shuttel ins Hotel, wo wir ein 140$ Zimmer bezogen. Die Betten hatten drei Kopfkissen, das Zimmer eine eigene Kaffeemaschine und überhaupt gefiel das Ganze doch sehr gut. Nach fünf Stunden Schlaf und einem leckeren Frühstücksbuffet ging es dann aber auch schon wieder zurück in den Flieger.

Jetzt sind wir in Quito, mal wieder auf knapp 3000m und irgendwie schon wieder krank. Ich glaube beinahe wir haben unseren Parasit trotz Medikation nicht ganz losbekommen. Die Anne war gestern schon wieder in der Klinik, jedoch ergaben Blut- und Stuhltest nichts auffälliges. Jetzt wurde uns von einer netten Deutschen eine strikte Diät mit Wasser und Hühnerbrühe empfohlen. Mal sehen ob es uns damit besser geht.
Morgen wird erstmal der deutsche Sieg gefeiert und dann sehen wir weiter. Vielleicht ist es auch die Unsicherheit über das morgige Weiterkommen, die uns so schwach fühlen lässt. Oder die Kälte oder die Höhe oder was auch immer…

Posted 7 years, 2 months ago at 16:06.

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Über das Reisen

Der Begriff „Reisen“ in seinem eigentlichen Sinne bedeutet für mich die aktive Fortbewegung von einem Ort zum nächsten ohne sich länger als zwei Tage an einem Ort aufzuhalten. So gesehen ist der Verlauf meiner Weltreise bislang nur teilweise eine wirkliche Reise. Oft nämlich verweilt man ein einem Ort, genießt den Stillstand und die Ruhe und bewegt sich nicht weit weg von seinem improvisierten Zuhause. Denn Reisen ist auch anstregend. Auch wenn man das daheim mit seinem acht Stunden Arbeitstag anders beurteilen mag. Jeden Tag Neuem ausgesetzt zu sein, sich einen neuen Platz für die Nacht suchen zu müssen und am nächsten Morgen den Rucksack wieder packen zu müssen. All das schlaucht auf die Dauer.
Entscheidet man sich jedoch zu reisen, so hat man die Wahl zwischen den verschiedensten Fortbewegungsmitteln, vom Fußmarsch bis hin zum Flugzeug. Jedes unterscheidet sich hinsichtlich der Dinge, die man sieht und erfährt und der Menschen die man auf der Reise trifft. Für beides verantwortlich zeigen sich die Kosten und vor allem die Geschwindigkeit einer Reise. Je langsamer man sich fortbewegt, desto mehr erlebt man, desto enger ist der Kontakt zu den Menschen, die in der Region leben, die man durchreist. Im Folgenden also ein Plädoyer gegen die Flugreise und für die simpleren Formen der Fortbewegung (oder doch anders herum?)

Fährt man beispielsweise mit einem Boot, so besteht die Einzigartigkeit der Reise in der Kombination aus beständiger, schneller Fahrt und der Möglichkeit, wie beim Gehen, seine Umwelt zu betrachten. Kein Autodach nimmt den Blick zum Himmel und kein Glas versperrt die Sicht auf die umgebende Umwelt. Die Flussreisen im Norden Honduras waren eben dieser Art. In einem langen Boot durchstreiften wir mal enge Kanäle, die sich durch den dichten, feuchten Dschungel zogen. Mal breite Lagunen, deren Ausmaß den Horizont wie den des Meeres erschienen ließ. Das einzige Geräusch ist das des Motors und nur die brennende Sonne lässt einen von Zeit zu Zeit aus seinen Gedanken schrecken, wenn sie sich hinter den Wolken hervorschiebt.
Es gibt jedoch auch andere Bootsfahrten. Wenn nämlich die Zahl auf dem kleinen Motor am Heck des Fahrzeugs nicht 40, sondern 200 anzeigt, ist dies ein eindeutiger Hinweis für den Verlauf der Fahrt. Nicht beschauliches Dahingleiten, sondern ein harter Ritt erwartet einen dann. Motor und Kapitän unserer letzten Bootsreise nach Puerto Limpira, der „Hauptstadt“ der Miskitos im Nordosten von Honduras, schienen dann auch noch eine perfekte Symbiose eingehen zu wollen. Ein junger, muskulöser Miskito, der Spaß daran hatte mit seiner übergroßen 9mm Pistole in die Luft zu schießen, während er mit Vollgas durch enge, dicht bewachsene Wasserstraßen heizte, ist fast schon das perfekte Klischee für den Fahrer eines 200PS Motors. Spaßig war es trotzdem, zu mindestens solange bis wir auf die nächste Lagune stießen, in der der Wind das Wasser zu kleinen Wellen auftürmte. Hier fühlt sich eine Fahrt mit geschätzten 60km/h dann nicht mehr so lustig an. Bei jeder Welle fühlt man sein Rückgrat ein Stückchen nach oben wandern und spürt förmlich die blauen Flecken an seinem Hinterteil entstehen.
Wieder anders sind Busfahrten hier in Zentralamerika. Alte, ausrangierte amerikanische Schulbusse werden sowohl für den Stadtverkehr, als auch für größere Strecken gebraucht. Das Reisen in den bunt angemalten Bussen, in denen ein Jesusbild den anderen den Platz über dem Fahrersitz streitig zu machen scheint, ist immer ein Erlebnis. Schon vor dem Beginn der Fahrt wird man von den verschiedensten Verkäufern dazu angehalten Früchte und kalte Getränke zu kaufen. Langsam schieben sich die Männer und Frauen durch den engen Bus und preisen ihre Waren an: „Helados, Helados. Solo cinco Peso“. Die Tatsache, dass man meist schon der vierte Eisverkäufer innerhalb der letzten zehn Minuten ist, der durch den Bus läuft, schreckt die Menschen dabei nicht ab, es trotzdem noch einmal zu versuchen. Dann gibt es auch immer wieder Prediger, die mal mit geschlossenen Augen, mal mit zum Himmel gestreckten Händen Gott lobpreisen und anschließend durch den Bus laufen, um Spenden zu sammeln.

Leider ist das Reisen in diesen Bussen für mich nicht immer angenehm, da es sich – wie schon gesagt – um alte Schulbusse handelt, die für kleine Kinder und nicht für 2m große Männer konzipiert worden sind. Mit Glück erwischt man eine Bank, deren Abmessung es erlaubt sich tatsächlich gerade in selbige zu quetschen. Man kann sich dann zwar nicht mehr bewegen, aber bei kurzen Strecken bleibt das Ganze erträglich. Anders jedoch bei meiner letzten Busfahrt. Von Puerto Cabeza, im Osten Nicaraguas nach Managua, der Hauptstadt des Landes sind es knapp 500km. Auf deutschen Autobahnen eine Strecke, die man in fünf bis sechs Stunden hinter sich bringen kann. Für uns sollte die Reise jedoch 19 Stunden dauern. Man kann sich den Zustand der „Straße“ vorstellen, die die Dauer für eine solche Strecke dermaßen in die Länge zieht. Zeitweise fühlte es sich, als ob der conductor sich einen Pfad in diesem Meer aus Schlaglöchern und tiefen Pfützen suchen musste. Wild schaukelnd fuhr man so die ersten sechs Stunden auf einer schmalen Schotterpiste durch eine riesige Ebene. Nichts als spärliches Gras und vereinzelte dünne Bäume waren zu sehen. Um zehn Uhr mittags gestartet kam man gegen fünf Uhr abends zur ersten größeren Siedlung, wo der erste und einzige Stop dieser qualvollen Reise stattfinden sollte. Nach dem typischen Essen, das aus Reis mit Bohnen, Krautsalat und Hühnchen bestand sowie einem Besuch des im Garten gelegenen Plumpsklos ging es auch schon weiter. Das Problem ist nicht der nicht vorhandene Platz für die Beine, sondern vielmehr das Fehlen jeglicher Kopfablage. Wer schon einmal 19 Stunden ohne Kopfablage in einem alten Schulbus über die Felder Nicaraguas gefahren ist, wird das bestätigen können. Man wird müde, aber das beständige Schaukeln lässt einen keinen Schlaf finden und irgendwann gibt man es auf es weiter zu versuchen. Die letzten 13 Stunden verbringt man dann in einer Art komatösem Dämmerzustand, aus der man dann gegen Morgen doch noch in Schlaf überzugehen vermag.

Spätestens hier fragt man sich dann, warum man nicht einfach die knapp 70€ mehr für ein Flugticket bezahlt hat. Statt 19 Stunden im Bus fliegt man die Strecke so in 1,5 Stunden. Statt total gerädert, steigt man beinahe erfrischt aus seinem Flugzeug und verbringt den Tag nicht im Bett, sondern kann die Stunden für Sinnvolleres nutzen (Bei 40°C durch Managua laufen, beispielsweise). Und doch: Fliegen geht gar nicht. Wird man nicht gerade dazu gezwungen, stellt jede Flugreise eine Art Kapitulation dar. Wer das wirkliche Reisen, also die Fortbewegung durch Land mit Leuten, nicht erträgt, der soll doch bitte zuhause bleiben. Ich bin schließlich kein Tourist, sondern Backpacker!

Posted 7 years, 2 months ago at 03:27.

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