Archivbeiträge für den Samstag, Mai 1st, 2010.

Da wo der Pfeffer wächst (Teil Eins)

Wir hatten von El Mirador in Quetzaltenango von einem Guatemalteker gehört. Er empfahl uns den gesamten letzten Teil unserer Reise durch Guatemala. Von Flores über Rio Dulce bis zur Grenze nach Honduras. Den Teil, in dem wir uns augenblicklich befinden. Nach knapp acht Wochen in Guatemala werden wir wohl im Laufe der nächsten Woche nach Honduras kommen und so langsam auch nach Nicaragua, dem eigentlich nächsten Ziel.

Doch zurück zu den letzten sieben Tagen, von denen wir uns inzwischen langsam zu erholen beginnen. Wir hatten uns langsam über Coban Richtung Petén begeben, dem spärlich besiedelten Norden des Landes der sich durch seine Flachheit, der Hitze und seine riesigen Wälder auszeichnet. Auch wenn die heutige Mayabevölkerung Guatemalas eher in den Bergen des südlichen Hochlands leben, so hatten ihre Vorfahren ihre Blütezeit in den Wäldern des Nordens. El Mirador war in der präklassischen also vorchristlichen Zeit eine der größten heute bekannten Metropolen der Mayas. In ihr lebten bis zu 100.000 Menschen. Die Tatsache, dass hier eine der größten menschgemachten Pyramiden errichtet wurde, spricht für die enorme Macht und das Wissen der damaligen Herrscher. Zehntausende schufteten für den Bau der 61m hohen Pyramide, die heute “El Tigre” genannt wird.

Sie und der durch Ausnutzung des Geländes optisch größer wirkende “Danta-Komplex” sollten wir jedoch nicht gleich zu Gesicht bekommen. Vielmehr mussten hierzu erstmal knapp 50km Dschungel durchquert werden. Der gesamte Stadtkomplex mit seinen über 260 archäologisch relevanten Einzelteilen ist nicht, wie die Tempelanlage des nahen Tikals, über breite Straßen touristisch erschlossen und sieht deshalb auch nicht die selben Mengen an Besuchern. Nur knapp 2000 Menschen kommen überhaupt den langen Weg, den man im Übrigen – das entsprechende Kleingeld vorausgesetzt – auch per Helikopter zurücklegen kann. Dieser Aspekt und der herausfordernde Beigeschmack des gesamten Unterfangens waren dann auch die Hauptgründe warum wir uns schließlich auf den Weg machten.

Nachdem wir uns schnell gegen eine selbständige Tourplanung und -durchführung entschieden hatten (den ganzen Weg mit 25kg auf dem Buckel ist dann nochmal ne andere Sache), galt es nach unserer Ankunft in Flores einen Guide zu finden. Bei 36°C schon morgens um elf und zwischen den beiden Hinspielen der Championsleague Halbfinals gingen wir zur erst besten Travelagency neben unserem Hotel, die uns Adonis, einen Guide aus dem nahe am See gelegenen San Andres anbot. Er stellte sich uns auch gleich eine Stunde später persönlich vor. Entgegen den Erwartungen, die beim Klang seines Namens in uns geweckt wurden, war er klein mit Bauchansatz, hatte deutliche O-Beine und bereits einiges an Grau in seinen Haaren.
Durch seine offene Art und der väterlichen Fürsorge, die er austrahlte, war er uns jedoch gleich sympatisch. Der Preis für fünf Tage und vier Nächte mit Futter und genügend Wasser sowie zwei Eseln, die den gesamten Kram schleppen sollten, betrug 175$. Ich weiß zwar nicht warum er das Geld in US-Dollar haben wollte, aber mit diesem Angebot gingen wir vergleichen. Eine Straßenecke weiter nach dem Kauf einer Cola für den Weg und einem misslungenem Streifzugversuch der Anne durch guatemaltekische Ansichtsläden bekamen wir für exakt die gleiche “Leistung” 420$ angeboten. Wir sagten also bei Adonis zu und sollten am nächsten Abend von ihm abgeholt werden.

Am nächsten Tag bei brütender Hitze wurden wir von seinem Sohn, dessen Kindern, seiner Frau und ihm in einem uraltem Toyota abgeholt. Nach einem Abendessen aus der “Kantine” des gegenüberliegenden Sägewerks (wo die ganzen Tropenhölzer aus dem Wald für den Westen verarbeitet werden), das die Familie betrieb, wurde uns im Speisesaal das Zelt auf dem harten Betonboden aufgebaut. So schliefen wir den ersten Tag des Treks wie auch die restlichen immer auf dem Boden, nur mit einer dünnen Decke und unseren Cocoons bewaffnet.

Um fünf ging es dann raus, unser Zelt wurde uns quasi “unterm Arsch” abgebaut und nach einem gehetzten Frühstück bestiegen wir den Bus. Geladen hatten wir zwei große Maissäcke voller Zeug, vier Rucksäcke und drei alte Waschmittel Behälter aus Plastik, die knapp 10l unseres Wasservorrats beinhalteten. Das Ziel war Carmelita, ein totes Nest ohne Strom, das – so Adonis – hauptsächlich davon lebt Touristen und Archäologen Esel zu vermieten. Angekommen beluden wir unsere zwei ärmlich aussehenden Exemplare, die wir hart feilschend einer alten Frau entliehen hatte. Dann ging es los.
Was wir für die nächsten Stunden machen sollten war laufen. Laufen, laufen, laufen. Anfangs unterhielten wir uns mit Adonis, der uns unsere Fragen über die zahlreichen Insekten und Bäume zu beantworten versuchte (sehr bemüht um eine uns verständliche Version des Spanischen). Doch spätestens nachdem er sich wegen seines kaputten Knies, das er sich bei einem durch zuviel Alkohol und Mota induzierten Sturz vom einem der Tempel zugezogen hatte, auf den zweiten Esel gesetzt hatte, hieß es für uns Laufen um des Laufens Willen. Nach knapp fünf Minuten wechselte ich in den “Autopiloten”. Man läuft, ohne sich dessen bewusst zu sein seine Schritte und hängt dabei seinen Gedanken nach. Gedanken an große Mengen Wasser, die man nicht hat. An kalte Duschen und schattige Hängematten. Die letzten zwei Stunden waren hart. Die Füße meldeten sich zu Wort und fragten warum man sie solch ungewohnten und absolut unverdienten Belastungen aussetzt und bedankten sich mit Schmerzimpulsen, die sich zu dem Wunsch gesellen mal seine Beine durch ein kurzes Päuschen aufzumuntern. Doch jede Pause, das merkte ich schon am ersten Tag, verringert den zeitlichen Abstand zur nächsten. So befindet man sich schon nach ein paar Stunden in einer großen Dauerpause, die unmerklich in Schlaf übergeht. und darauf hatte ich mitten im Dschungel dann auch keine Lust.

Unser Trek sollte uns von Camelita über die Tempelruinen von Tintal nach El Mirador führen. Schon am ersten Tag shaen wir die ersten Spuren der Maya. Uralte Grabhügel mitten im Wald, die der Dschungel komplett verschlungen hatte. Grabräuber hatten breite Schneisen in die Felshügel (oder was davon übrig geblieben ist) gegraben, um an Grabbeilagen und Geld heranzukommen. Ich wäre als Grabräuber völlig überfordert. Erstens kann man ohne archäologische Kenntisse einen Steinhaufen nicht vom anderen unterscheiden und außerdem liegt der ganze Spaß nicht nur unter einem halben Meter dichtem Dschungel, sondern außerdem unter meter hohen Steinblöcken.

Relativ mit der Welt am Ende kamen wir am späten Nachmittag in Tintal an. Der Tag war sehr heiß gewesen und ich nicht im geringsten an fünf Stunden Laufen gewöhnt. Jedoch war der Wald aufgrund der Jahreszeit sehr trocken. Moskitos habe ich zum Glück nicht einmal zu sehen bekommen, wofür ich am Abend sehr dankbar war. Wir bestiegen bei Sonnenuntergang die Tempelruine von Tintal und genossen die tolle Aussicht: Nichts als dichter Wald so weit man sehen konnte. Die verschiedensten Grünschattierungen und die Geräusche des Waldes zusammen waren eine wirklich beeindruckende Kulisse. Am äußersten Horizont konnten wir sogar schon unser Ziel des morgen Tages sehen. Also fast. Es sah ziemlich weit entfernt aus…

Posted 7 years, 7 months ago at 00:56.

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