Archivbeiträge für Mai, 2010.

Da wo der Pfeffer waechst (Teil Zwei)

Der nächste Tag sollte besser werden. Wir stiegen gegen fünf Uhr morgens aus unserem Zelt und stellten fest dass Adonis schon aufgestanden war. Wir bekamen süßen Kaffee und Cornflakes in warmer und ebenso süßer Milch. Äußerst gewöhnungsbedürftig in meinen Augen. Zum Glück sollte sich Adonis im Laufe des Treks noch als äußerst fähiger Koch herausstellen. Anders kann man es nicht nennen, denn um aus Lebensmitteln, die bei 38° tagelang auf einen Esel verschnürt durch die Gegend getragen werden, ein leckeres und schnelles Essen zu machen, ist nicht leicht in meinen Augen. Nach dem Frühstück liefen wir los.

Der Wald veränderte sich ständig. Mal lief man über schmale Trampelpfade mitten durch den Dschungel. Weiter als fünf Meter in den Wald hinein konnte man dann nicht sehen. Zu dicht war der Wuchs der Pflanzen. (Ich habe im Übrigen mehrere meiner ehemaligen Zimmerpflanzen in ihrer natürlichen Umwelt sehen können. Das lässt mich gerade an sie denken… Wie geht’s meinen Pflanzen eigentlich Paps?) Mal über die Überreste der alten Mayastraße, die in früheren Zeiten El Mirador mit Tintal verband. Von der Straße an sich waren zwar nur noch vereinzelte Steinbrocken zu sehen, aber durch die massive Steinbasis wuchsen auf ihr keine der größeren und dickeren Bäume. So konnte man das volle Ausmaß dieser antiken Autobahnen bewundern. Gute zwanzig Meter breit müssen sie gewesen sein und auch heute noch ziehen sie eine schnurgerade Linie zwischen mehrere der alten Städte und Tempel. Entlang der Straße sahen wir immer wieder größere Steinhaufen, die Adonis fachkundig als Häuser identifizieren konnte. Auch eine Art Tor haben wir passiert. Bzw. den riesigen Haufen Stein mitten auf der Straße. Hier wie überall sonst auch waren Furchen in die Überreste gegraben. Laut Adonis (und Wikipedia) sollen jährlich Mayazeugnisse, wie Vasen und Teller, im Wert von mehreren Millionen Euro aus dem Land geschafft werden. Wir konnten in El Mirador selbst ein paar Tongefäße in unseren Händen halten, die von den Wächtern an den Ausgrabungsstädten gefunden wurden. Keine Ahnung, was gerade die heute für einen Wert haben, aber dem Wert meiner Reisekasse sollten sie schon entsprochen haben.
Nach einer ausgedehnten Mittagspause (die alle zu einem Nickerchen nutzen) kamen wir nach sieben Stunden an den Ausläufern El Miradors an. Eine Stunde vor der eigentlichen Stadt fanden wir die erste Tempelruine, die vollständig vom Dschungel befreit worden war (Von ein paar Bäumen, deren Wurzeln sich in den Stein zu krallen schienen abgesehen). Adonis zeigte uns eine kleine Tür, die in den Bau führte. Stockfinster und in meiner Fantasie voller Spinnen und anderen ungemütlichen Dschungelbewohnern (Stichwort: Indyyyyyyyy!!!!) zeigte sich uns ein schmaler und viel zu tiefer Gang. Ich musste mich zwar nicht auf allen Vieren durchkrabbeln, aber an Stehen war auch nicht zu denken. Bewundernswert war jedoch die Konstruktion: Das ganze war ein uraltes Giebelgewölbe, das die Vegetation und die Jahre unbeschädigt überstanden hatte. Es führte tiefer unter die Anlage, aber mehr als eine enge Krabbelaktion, die in einem sehr kleinen Gang mündete, habe ich mir nicht antun können. Für die Saskia wäre das nichts gewesen. Überhaupt nichts =)

Nach dieser kleinen Exkursion und weiteren 45 Minuten kamen wir dann endlich in El Mirador an. Die Anlage an sich ist zwar monströs, aber durch den dichten Wald, der nur von vereinzelten Pfaden durchkreuzt wird, sah das Ganze anfangs sehr überschaubar aus. Wir bauten unser Zelt auf einer großen Lichtung auf, die auch als Hubschrauberlandeplatz gebraucht wird. In der Nähe waren ein paar größere Hütten zu sehen, die von den drei Wächtern und den bis zu 40 Archäologen, die hier im Mai für vier Monate mit Unmengen an Eseln und Helfern anrücken, benutzt werden. Außerdem eine riesige Stahlkonstruktion, die sich sogar fast über den Bäumen etwas von unserem Zelt entfernt erhob. Sie diente dem Schutz einer Ausgrabungsstätte vor dem Regen, der den ganzen Wald für wenige Monate im Jahr in ein schlammiges moskitoverseuchtes Etwas verwandelt. In genau dieser Zeit jedoch allein ist Leben und Arbeiten für größere Menschenmengen möglich. Den Rest des Jahres ist so wenig Wasser vorhanden, das eine durchgängige Eselkette die 50 Kilometer nach Carmelita nötig wäre, um genügen Wasser vorzuhalten.

Nach einem leckeren Essen bestiegen wir El Tigre. Die Pyramide muss damals massiv gewesen sein, zu mindestens ließ die Größe des Geröllhaufens darauf schließen. Auf der obersten Plattform konnte man sogar noch gut die Struktur der drei kleinen Bauten erkennen, die hier einst den Maya dazu dienten astrologischen Beobachtungen durchzuführen. Der Blick war fast identisch mit dem, was wir schon in Tintal erleben durften. Nichts als Wald, wohin man blickte. Und doch war ein Unterschied auszumachen. Wenn man genau hinschaute, sah man überall kleine Erhebungen im Wald vor uns. Das waren andere Tempel der Stadt und des damaligen Umlands. Auch die Flächen, die von den Maya zum Maisanbau verwendet wurden, konnte man deutlich ausmachen. Hier waren die Bäume wesentlich kleiner und das Ganze erinnerte schon fast an eine Steppe.
Nach einer sehr verdienten Dusche mit Regenwasser, das man extra den Wächtern abkaufen musste, servierte Adonis uns Té Pimienta. Das war heißer Tee aus den jungen Blättern des Pfefferbaumes, der leicht gesüßt unglaublich lecker schmeckte (Die Anne hat auch gleich versucht Blätter mitzunehmen. Aber wenn man sie nicht anständig trocknet, verfaulen die dann doch recht schnell) Um unseren Wasservorrat zu sparen, tranken wir den ganzen nächsten Tag nichts anderes. Wir starteten den Tag wieder einmal sehr früh und erkundeten einen Teil der Ausgabungsstätten, wo wir beeindruckende Basisreliefs und weitere Tempel sahen. Bis auf den Danta Komplex, den wir gegen Nachmittag besteigen sollten, war alles noch „work in progress“, d.h. so wie es die Archäologen im letzten Jahr hinterlassen hatten. Schwer zu beschreiben, aber ich fühlte mich wie in einer Folge der legendären Reihe Terra-X. Überall waren Planen gespannt, um die Formationen vor dem Regen zu schützen und beschriftete Säcke mit Steinfragmenten lagen säuberlich aufgereiht auf groben Tischplatten. Auch Tiere sahen wir einige. Allen voran große pavos (eine Art Truthahn-Pfau-Mischung) die sich in der Paarungszeit zu befinden schienen. Auch monos aranjas (Spinnenaffen) die in den Bäumen über uns wohnten und nur an ihrem Schwanz hängend auf uns herabblickten. Außerdem fing Adonis einen Skorpion für uns ein (siehe Bild) und auf dem Weg zurück sollten zwei Schlangen unseren Weg kreuzen.

Wir gingen am nächsten Morgen den Weg zurück, den wir die ersten zwei Tage schon kennenlernen durften. Im Grunde wiederholte sich alles noch einmal und gerade der vierte Tag war wieder sehr anstrengend. Nach einer letzten Nacht und weiteren 5h kamen wir dann wieder in Carmelita an, gaben die Esel zurück und warteten auf den Bus. Die Fahrt sollte 4h dauern, da zuerst einem liegen gebliebenen Pick-Up wieder auf die Beine geholfen wurde und später ein halbstündiges Rangiermanöver mit einem Sattelschlepper anstand. Irgendwann aber kamen wir an und freuten uns schon auf ein anständiges Bett und ein paar Tage Relaxation.

Beides sollten wir dann auch erhalten und rückblickend war der Trip sein Geld und seinen Schweiß mehr als wert. Heute sind wir schon wieder ganz wo anders. In Honduras und kurz vor unserem nächsten Trip nach Nicaragua. Die nächsten Tage werden wir ohne Internet auskommen müssen, da uns der Weg über die Nordküste von Honduras in abgelegenes Gebiet führt. Aber auch das werden wir überleben. Bin ganz sicher =)

Posted 7 years, 5 months ago at 18:13.

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Da wo der Pfeffer wächst (Teil Eins)

Wir hatten von El Mirador in Quetzaltenango von einem Guatemalteker gehört. Er empfahl uns den gesamten letzten Teil unserer Reise durch Guatemala. Von Flores über Rio Dulce bis zur Grenze nach Honduras. Den Teil, in dem wir uns augenblicklich befinden. Nach knapp acht Wochen in Guatemala werden wir wohl im Laufe der nächsten Woche nach Honduras kommen und so langsam auch nach Nicaragua, dem eigentlich nächsten Ziel.

Doch zurück zu den letzten sieben Tagen, von denen wir uns inzwischen langsam zu erholen beginnen. Wir hatten uns langsam über Coban Richtung Petén begeben, dem spärlich besiedelten Norden des Landes der sich durch seine Flachheit, der Hitze und seine riesigen Wälder auszeichnet. Auch wenn die heutige Mayabevölkerung Guatemalas eher in den Bergen des südlichen Hochlands leben, so hatten ihre Vorfahren ihre Blütezeit in den Wäldern des Nordens. El Mirador war in der präklassischen also vorchristlichen Zeit eine der größten heute bekannten Metropolen der Mayas. In ihr lebten bis zu 100.000 Menschen. Die Tatsache, dass hier eine der größten menschgemachten Pyramiden errichtet wurde, spricht für die enorme Macht und das Wissen der damaligen Herrscher. Zehntausende schufteten für den Bau der 61m hohen Pyramide, die heute “El Tigre” genannt wird.

Sie und der durch Ausnutzung des Geländes optisch größer wirkende “Danta-Komplex” sollten wir jedoch nicht gleich zu Gesicht bekommen. Vielmehr mussten hierzu erstmal knapp 50km Dschungel durchquert werden. Der gesamte Stadtkomplex mit seinen über 260 archäologisch relevanten Einzelteilen ist nicht, wie die Tempelanlage des nahen Tikals, über breite Straßen touristisch erschlossen und sieht deshalb auch nicht die selben Mengen an Besuchern. Nur knapp 2000 Menschen kommen überhaupt den langen Weg, den man im Übrigen – das entsprechende Kleingeld vorausgesetzt – auch per Helikopter zurücklegen kann. Dieser Aspekt und der herausfordernde Beigeschmack des gesamten Unterfangens waren dann auch die Hauptgründe warum wir uns schließlich auf den Weg machten.

Nachdem wir uns schnell gegen eine selbständige Tourplanung und -durchführung entschieden hatten (den ganzen Weg mit 25kg auf dem Buckel ist dann nochmal ne andere Sache), galt es nach unserer Ankunft in Flores einen Guide zu finden. Bei 36°C schon morgens um elf und zwischen den beiden Hinspielen der Championsleague Halbfinals gingen wir zur erst besten Travelagency neben unserem Hotel, die uns Adonis, einen Guide aus dem nahe am See gelegenen San Andres anbot. Er stellte sich uns auch gleich eine Stunde später persönlich vor. Entgegen den Erwartungen, die beim Klang seines Namens in uns geweckt wurden, war er klein mit Bauchansatz, hatte deutliche O-Beine und bereits einiges an Grau in seinen Haaren.
Durch seine offene Art und der väterlichen Fürsorge, die er austrahlte, war er uns jedoch gleich sympatisch. Der Preis für fünf Tage und vier Nächte mit Futter und genügend Wasser sowie zwei Eseln, die den gesamten Kram schleppen sollten, betrug 175$. Ich weiß zwar nicht warum er das Geld in US-Dollar haben wollte, aber mit diesem Angebot gingen wir vergleichen. Eine Straßenecke weiter nach dem Kauf einer Cola für den Weg und einem misslungenem Streifzugversuch der Anne durch guatemaltekische Ansichtsläden bekamen wir für exakt die gleiche “Leistung” 420$ angeboten. Wir sagten also bei Adonis zu und sollten am nächsten Abend von ihm abgeholt werden.

Am nächsten Tag bei brütender Hitze wurden wir von seinem Sohn, dessen Kindern, seiner Frau und ihm in einem uraltem Toyota abgeholt. Nach einem Abendessen aus der “Kantine” des gegenüberliegenden Sägewerks (wo die ganzen Tropenhölzer aus dem Wald für den Westen verarbeitet werden), das die Familie betrieb, wurde uns im Speisesaal das Zelt auf dem harten Betonboden aufgebaut. So schliefen wir den ersten Tag des Treks wie auch die restlichen immer auf dem Boden, nur mit einer dünnen Decke und unseren Cocoons bewaffnet.

Um fünf ging es dann raus, unser Zelt wurde uns quasi “unterm Arsch” abgebaut und nach einem gehetzten Frühstück bestiegen wir den Bus. Geladen hatten wir zwei große Maissäcke voller Zeug, vier Rucksäcke und drei alte Waschmittel Behälter aus Plastik, die knapp 10l unseres Wasservorrats beinhalteten. Das Ziel war Carmelita, ein totes Nest ohne Strom, das – so Adonis – hauptsächlich davon lebt Touristen und Archäologen Esel zu vermieten. Angekommen beluden wir unsere zwei ärmlich aussehenden Exemplare, die wir hart feilschend einer alten Frau entliehen hatte. Dann ging es los.
Was wir für die nächsten Stunden machen sollten war laufen. Laufen, laufen, laufen. Anfangs unterhielten wir uns mit Adonis, der uns unsere Fragen über die zahlreichen Insekten und Bäume zu beantworten versuchte (sehr bemüht um eine uns verständliche Version des Spanischen). Doch spätestens nachdem er sich wegen seines kaputten Knies, das er sich bei einem durch zuviel Alkohol und Mota induzierten Sturz vom einem der Tempel zugezogen hatte, auf den zweiten Esel gesetzt hatte, hieß es für uns Laufen um des Laufens Willen. Nach knapp fünf Minuten wechselte ich in den “Autopiloten”. Man läuft, ohne sich dessen bewusst zu sein seine Schritte und hängt dabei seinen Gedanken nach. Gedanken an große Mengen Wasser, die man nicht hat. An kalte Duschen und schattige Hängematten. Die letzten zwei Stunden waren hart. Die Füße meldeten sich zu Wort und fragten warum man sie solch ungewohnten und absolut unverdienten Belastungen aussetzt und bedankten sich mit Schmerzimpulsen, die sich zu dem Wunsch gesellen mal seine Beine durch ein kurzes Päuschen aufzumuntern. Doch jede Pause, das merkte ich schon am ersten Tag, verringert den zeitlichen Abstand zur nächsten. So befindet man sich schon nach ein paar Stunden in einer großen Dauerpause, die unmerklich in Schlaf übergeht. und darauf hatte ich mitten im Dschungel dann auch keine Lust.

Unser Trek sollte uns von Camelita über die Tempelruinen von Tintal nach El Mirador führen. Schon am ersten Tag shaen wir die ersten Spuren der Maya. Uralte Grabhügel mitten im Wald, die der Dschungel komplett verschlungen hatte. Grabräuber hatten breite Schneisen in die Felshügel (oder was davon übrig geblieben ist) gegraben, um an Grabbeilagen und Geld heranzukommen. Ich wäre als Grabräuber völlig überfordert. Erstens kann man ohne archäologische Kenntisse einen Steinhaufen nicht vom anderen unterscheiden und außerdem liegt der ganze Spaß nicht nur unter einem halben Meter dichtem Dschungel, sondern außerdem unter meter hohen Steinblöcken.

Relativ mit der Welt am Ende kamen wir am späten Nachmittag in Tintal an. Der Tag war sehr heiß gewesen und ich nicht im geringsten an fünf Stunden Laufen gewöhnt. Jedoch war der Wald aufgrund der Jahreszeit sehr trocken. Moskitos habe ich zum Glück nicht einmal zu sehen bekommen, wofür ich am Abend sehr dankbar war. Wir bestiegen bei Sonnenuntergang die Tempelruine von Tintal und genossen die tolle Aussicht: Nichts als dichter Wald so weit man sehen konnte. Die verschiedensten Grünschattierungen und die Geräusche des Waldes zusammen waren eine wirklich beeindruckende Kulisse. Am äußersten Horizont konnten wir sogar schon unser Ziel des morgen Tages sehen. Also fast. Es sah ziemlich weit entfernt aus…

Posted 7 years, 5 months ago at 00:56.

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