Archivbeiträge für den Samstag, April 10th, 2010.

Bergsteigen. Der zweite Akt

Zu aller erst: Den ersten Akt gab es logischerweise auch. Jedoch war er eher uninteressant und vergleichsweise farb- und ereignislos. Der Vollständigkeit halber sei sein Ablauf trotzdem kurz erwähnt.

Letzte Woche Montag haben wir uns aufgemacht den Vulcan Tajumulco zu besteigen. Nach dem Vorbild mehrerer Leute, die wir hier in Xela kennengelernt haben, hieß es dafür 44km bis nach San Marcos, einer größeren Stadt westlich von Quetzaltenango zu fahren. Von dort aus weitere 45 Minuten in die Berge, wo wir am Fuße des Vulcans oder besser an einer einfachen Biegung der Straße vom Busfahrer aus dem Bus gelassen wurden. Wir befanden uns hier schon auf knapp 3000m, von einer guten Aussicht war allerdings keine Spur. Dichter Nebel ließ uns vielleicht 15m Sichtweise. Nachdem wir um halb acht aufgestanden waren, kamen wir hier gegen halb zwölf an. Wir hatten für den Aufstieg drei bis vier Stunden und für den Rückweg knapp die Hälfte eingerechnet und unser Bus zurück sollte um halb sechs von San Marcos aus gehen. Wer bis hier hin gut aufgepasst hat, wird feststellen, dass die Rechnung leider nicht aufgeht. Wir stiegen also „aus Spaß“ knapp 90min den Hügel hinauf. um uns mental und körperlich schon mal auf den zweiten Akt vorzubereiten.

Am Dienstagmittag dieser Woche starteten wir besser vorbereitet, d.h. mit mehr Zeit, wieder Richtung San Marcos. Wir übernachteten im Hotel Dubai, das seinen Rohbaustatus gerade hinter sich gebracht zu haben schien, und standen diesmal schon um viertel nach neun an derselben Straße im selben Nebel. Zusammen mit sechs Litern Wasser, zwei Mangos und ein paar Keksen ging es dann los. Sechs Kilometer und ca. 1200 Höhenmeter trennten uns wieder von Abstieg und knapp drei Stunden Busfahrt von unserem Endziel (welches für mich bereits um halb drei mein Bett darstellte). Die ersten zwei Kilometer ging es einen recht breiten Weg hinauf vorbei an letzten Hütten und Feldern mit Kühen und Gemüse. Der Boden bestand aus Vulkansand (ach nein) und war teils von breiten Furchen durchzogen, die aussahen, als würde hier in der Regenzeit einiges an Wasser herunterkommen. Nach einer Stunde kamen wir an die Stelle, an der wir das letzte Mal umgekehrt waren und die ersten großen Nadelbäume zeigten sich durch den Nebel. Das letzte Mal trafen wir hier auf eine Gruppe Jungendlicher, die mit Zelt und Schlafsäcken zum Gipfel unterwegs waren. Dieses Mal nur auf ein paar einsame Kühe, die wie alle Kühe auch irgendwie nur doof aus der Wäsche guckten. Ab hier wurde der Weg bereits deutlich schmaler, war aber noch gut als solcher zu erkennen. (Mit der Wegfindung hatten wir im Übrigen keinerlei Probleme, obwohl wir an diesem Tag keinem Menschen begegnet sind. Das lag aber nicht an meinen übersinnlichen Fähigkeiten im Fährtenlesen, sondern eher an der beständigen Spur zurückgelassenen Mülls.) Die nächsten Kilometer waren landschaftlich einmalig sehr abwechslungsreich. Wir liefen einen spärlich bewaldeten Kamm hinauf vorbei an Nadelbäumen auf moosbewachsenem Boden. Zwischenzeitlich sah das Ganze aber auch mehr aus wie eine breite Ebene an deren Seite das Gelände steil abfiel.
Der Nebel hatte sich in zwischen gelichtet und wir konnten bereits auf die dicke Wolkendecke im Tal vor uns blicken. Trotz der Höhe war es angenehm warm und ich lief sogar längere Zeit im T-Shirt. Mit der Höhe wurden jedoch unsere Pausen immer zahlreicher und deren Abstände geringer. Zwischenzeitlich machte ich nach jedem erreichten Baum eine kurze Atempause. Die Anne blieb immer ein Stück hinter mir (L), wir trafen uns jedoch immer dort, wo ich eine längere Pause brauchte. Erst nach vier Kilometern sahen wir erstmals die Spitze. Hätten wir sie früher schon gesehen, wäre das für unsere Moral nicht gerade förderlich gewesen, denn das Teil erhob sich nochmal deutlich von allem anderen um uns herum. Der finale Aufstieg erwies sich für mich als besonders anstrengend. Statt Kies oder gar Moos bestand der Boden hier aus größeren und kleinen Felsbrocken. Zusammen mit der Steigung ergab das mehr eine klassische Kletterpartie, als einen entspannten Sparziergang. Ich hatte während der letzten hundert Meter sowohl mit aufsteigender Höhenangst und den beiden Taschen, in denen ich Wasser und Essen verstaut hatte zu kämpfen. Letztere baumelten die ganze Zeit vor meinen Beinen, was meinem leicht panisch zu werdenden Endspurt mit 180 Puls nicht gerade gut tat. Als ich „oben“ ankam musste ich feststellen, dass die Bergspitze hier keine wortwörtliche Spitze besaß, sonder mehr eine breite, äußerst steinige Kuppe darstellen. Außer ein paar Blumen und Eidechsen war hier oben nichts zu sehen und hätte ich nicht so gehechelt, hätte ich absolut nichts gehört. Die Anne kam etwas nach mir heraufgekrakselt und wir machten uns gemeinsam über das verbliebene Essen her.

Viel Zeit „über den Wolken“ blieb uns jedoch nicht. Wirklich frei habe ich mich auch nicht gefühlt, da wir nur noch knapp zwei Stunden für den Abstieg hatten. Dieser sollte mich mehr nerven, als der komplette Aufstieg. Hier kann man seine Kraft nämlich besser einteilen, da man jeden Schritt und damit jeden Anstrengung selbständig ausführt. Beim Abstieg jedoch besteht die Anstrengung aus dem ständigen Abbremsen seines eigenen Körpergewichts, was nach einiger Zeit und mit zunehmendem Gefälle einfach tierisch auf die Eier geht. Ohne eine einzige Pause und nach ca. 90min kamen wir „leicht“ lädiert an der schmalen Straße an und warteten frierend und müde auf den Bus. Der Ausblick auf drei Stunden beengte Busfahrt auf kurvigen Bergstraßen trug dabei nicht gerade zu besserer Stimmung bei.
Bei Einbruch der Dunkelheit kamen wir wieder in Xela an. Um acht Uhr lagen wir im Bett. Muskelkater spüre ich noch keinen, aber mal sehen wie es mir morgen geht =)

Posted 7 years, 4 months ago at 04:52.

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