Archivbeiträge für den Dienstag, November 3rd, 2009.

5 Tage Varanasi

Die bislang beste Erfahrung mit indischen Großstädten habe ich ohne Zweifel hier in Varanasi gemacht. Trotz der über 2 Millionen Menschen, die hier am Ganges leben, besitzt die Stadt ein fast schon kleinstädtiges Flair. Was genau die Faszination ausmacht, vermag ich nicht zu erklären. Selbst einhundert Seiten Beschreibung können fünf Sekunden eigenen Eindrucks nicht ersetzen. Was sofort ins Auge sticht, wenn der Blick erst ein wenig geschärft ist, sind die hinduistischen Tempel, die an fast jeder Ecke zu finden sind. Meist sehe diese aus wie kleine Hinterhöfe, die von Mauern oder Zäunen umgrenzt sind. Den einzigen Hinweis auf den religiösen Zweck liefern dann nur ein paar Zierblumen oder versteckte Statuen. Über 1000 Stück solcher Minitempel soll es in der Stadt geben. Die meisten davon in der Altstadt, inmitten des typisch indischen Mix von Straßenständen für Tee, Essen, Getränke, Paan , Seide und Süßigkeiten. Die Straßen hier sind eng verwinkelt, so klein, dass nur ein paar Motorräder sich durch die Menschen, Kühe und Hunde zu zwängen versuchen. Das Straßenbild erinnert mich irgendwie an das toskanischer Altstädte und ist zugleich doch völlig verschieden.

Die Religion ist nicht nur durch die Tempel im Stadtbild verwurzelt. Auch der Großteil der Menschen, die man hier zu Gesicht bekommt, besucht die Stadt aus religiösen Gründen. Ein Bad im heiligen Fluss und ein Besuch des goldenen Tempels, der von uns leider nicht betreten werden darf, sind Gründe für den Besuch der Stadt. Ein anderer ist der Tod. Alte Menschen kommen zu Hunderten, um hier in den unzähligen Hospizen auf den Tod zu warten. Stirbt man innerhalb der Stadtgrenzen, so darf man auf eine Verbrennung am heiligen Fluss hoffen. Der Hintergrund ist eine Art Reinigung der Seele. Durch das Feuer, welches aus heiligen Stätten an den Ghats kommt, wird der Mensch von seinen Sünden gereinigt und seiner Seele so der Weg ins Nirvana eröffnet. Für diesen Zweck kommen auch wohlhabender Inder von weit her in die Stadt. Sie bezahlen Unsummen für edles Holz, das für die Verbrennung verwendet wird. Holzhändler in den Gassen bieten Scheite für mehrere hundert Euro das Kilo an. Bei 350 Kilo, die für eine Einäscherung benötigt werden, kann man sich die Kosten vorstellen, die mit diesem Akt verbunden sind.

Unsere Abreise nach Agra haben wir um einen Tag nach hinten verlegt, da wir das Festival of Light, welches gestern gefeiert wurde, nicht verpassen wollten. Die ganze Stadt schien sich nach Sonnenuntergang an den Ghats zu versammeln. Die paar Bilder, die ich gemacht habe, können nur ansatzweise vermittelt, was dort abging. Die Verbrennungen jedoch wurden auch während der Feierlichkeiten nicht ausgesetzt. Die Menschen und die Musik, die überall aus uralt Lautsprechern plärrte, schien die Trauernden nicht abzuhalten…

Posted 7 years, 7 months ago at 09:59.

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