Der Verlust des Zeitgefühls als Freiheitsgewinn

Sein Zeitgefühl verliert man stufenweise, wobei zwischen drei verschiedenen Stufen unterschieden werden kann. Zuerst verliert man das Gefühl für das aktuelle Datum. Danach für den Wochentag und schließlich für die Tagesstunde. Wobei natürlich auch eine andere Reihenfolge denkbar ist. Sitzt man beispielsweise an einem spannenden Buch, so ist man sich oftmals noch bewusst über den Wochentag und das Datum, jedoch verliert sich das Gefühl für die Zeit während man sich idealerweise in der Handlung verliert.

Ich bin der Meinung, dass der Verlust des Zeitgefühls mit einem gesteigerten Freiheitsempfinden einhergeht. Geht einem die Fähigkeit abhanden das aktuelle Datum anzugeben, wie es jeder beim Urlaub wohl schon einmal erlebt hat, dann verbindet man dies gleich mit Freiheit. Freiheit von der Fessel der Terminlichkeit, Freiheit vom drohenden Ende eines Monats durch das Wissen um einen baldigen Donnerstag den 31.
Dann erst der Verlust des Gefühls für den Wochentag. Der räudige Montag oder der doch immer etwas melancholische Sonntagabend. Alles vergessen und dadurch bedeutungslos. Auch das muss als Gewinn von Freiheit angesehen werden.
Der Monat, die Woche und schließlich der Tag werden einem freier, ungebundener und in der Gestaltung dadurch offener. Wenn es keine Rolle mehr spielt, ob es gerade Samstag der 14. Februar ist oder Dienstag der 3. Mai, so fällt damit so viel Alltäglichkeit weg und die Freiheit des Tuns und Handels vergrößert sich in ungeahntem Maße.

Auf einer einjährigen Weltreise geschieht der Verlust des Zeitgefühls ganz automatisch und ich bin mir über die Einzigartigkeit dieses Vorgangs bewusst. Jeden Tag die Freiheit zu besitzen, bestimmen zu können wie man sich den Tag gestaltet, ist ein Luxus, der nicht vielen Menschen gegeben ist. Dies verbunden mit der Tatsache ständig Neuem ausgesetzt zu sein, ständig neuen Input zu bekommen macht das Reisen so besonders. Von den fast schon nebensächlichen Tatsachen, wie das Treffen unbekannter, interessanter Menschen und dem täglichen Genuss fremder, meist ebenso interessanter Speisen abgesehen. (Ich übergehe hierbei bewusst eintönige Abschnitte, in denen man sich hauptsächlich von Reis mit Bohnen ernähren darf)

Doch das angesprochene Gefühl der Freiheit, das an den Verlust des Zeitgefühls gekoppelt ist, geht mir nun, wo das Ende meiner Reise absehbar ist, ein wenig verloren. War mir in den ersten Monaten das Ende nie wirklich vor Augen, es vielmehr ein weit in der Zukunft liegender Zeitpunkt, so änderte sich das nach Ablauf der ersten sechs Monate. Ich begann erst die restlichen Monate und kürzlich auch die verbleibenden Wochen zu zählen. Nun bin ich sogar bald an einem Zeitpunkt angekommen, an dem ich den restlichen Verlauf des Trips minutiös planen muss, um meinen Flug nach Brasilien und später den Weiterflug nach London antreten zu können. Etwas was ich in den letzten elf Monaten immer zu verhindern gewusst habe.
Und doch verspüre ich keinen Wehmut, was, wenn man sich die Einzigartigkeit des letzten Jahres vor Augen hält, auch reichlich vermessen wäre. Schließlich darf man nicht davon ausgehen ein Leben, wie das meine des letzten Jahres auf Dauer führen zu könne. Ich freue mich vielmehr auf das für mich nun wieder Unbekannte in der Heimat, auf meine Familie und meine Freunde und die neuen Aufgaben die mich daheim erwarten. Und doch weiß ich, dass ich im Begriff bin ein erhebliches Stück Freiheit aufzugeben. Und nichts verliert man mit stärkerem Widerwillen als die Freiheit, mit der zu leben man sich gewöhnt hat.

Wenn ich nach Hause komme heißt es einen Job und meine finanzielle Unabhängigkeit zu suchen. Wenn ich ehrlich sein soll, graust es mir ein wenig bei der Vorstellung nun für längere Zeit unbeweglich mindestens 45h die Woche in einem Ort festzuhängen. Egal welchen Job ich finden werde, keiner wird mir die geistigen und seelischen Reize des letzten Jahres bieten können. Klar lernt man auch dort neue Menschen kennen und es werde neue, interessante Ansprüche an einen gestellt, denen man gerecht werden muss, aber das alles wird den Verlust der Freiheit, der Freiheit über seine Zeit und seine alltägliche Beschäftigung kaum aufwiegen können.

Denkt man den von mir zu Beginn erläuterten Gedanken zu Ende, so liegt darin vielleicht die Lösung. Es muss mir nur gelingen mich in meiner neuen Tätigkeit, in meinem neuen Leben zu verlieren. Das Gefühl für die Zeit irgendwo liegen zu lassen und zu vergessen, dass heute Montag der 14. Februar und morgen Freitag der 13. November ist. Für jeden einzelnen Tag gilt dann das gleiche. Verliere ich das Gefühl für die Stunden des Tages, so vermag ich daraus vielleicht ein wenig meines jetzt empfundenen Freiheitsgefühls in den Alltag hinüberzuretten. Vielleicht. Ich werde es erleben.

Posted 5 years, 10 months ago at 01:35.

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In den Dschungel aus dem Dschungel

Ich liege gerade im Bett, der Rucksack ist bereits proppevoll gepackt für unseren Trek morgen früh in der Cordillera Blanca. Die Anne sitzt draußen mit Hagai, einem Isreali aus unserem Guesthouse und spielt “Shesh Besh”. Julia, mit der wir schon seit geraumer Zeit gemeinsam reisen, hat sich mit Durchfall und Kotzeritis in ihr Zimmer zurückgezogen. Wir hoffe alle, dass sie morgen wieder fit ist, wenn es für fünf Tage in die Berge geht. Wir haben uns Zelt, Schlafsack und Kochgeschirr ausgeliehen und den Markt nach leckerem Essen durchstöbert.
Der Rucksack wird endlich mal seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt und wird zum ersten mal mit Isomatte und Zelt beladen.

Das Ziel des Ausflugs ist der Huascarán-Nationalpark. Von unserem Zimmer aus können wir schon seit Tagen das eindrucksvolle Panorama bewundern. Über 25 5000er liegen hier in unmittelbarer Nähe und die starke Vergletscherung macht daraus ein eindrucksvolles Bild. Wir werden den Gebirgszug einmal durchqueren und über einen 4800m hohen Pass auf der anderen Seite wieder ins Tal stoßen.
Wirklich voll im Training würde ich meine Verfassung zwar nicht nennen, aber ich bin doch zuversichtlich, dass wir die fünf Tage gut überstehen werden (solange uns kein Durchfall oder eine nette Malaria daran hindert)

Unsere letzte Tour in einem Nationalpark ist noch gar nicht lange her. Im Norden Perus sind wir ins Amazonasgebiet gefahren, um dort den Dschungel in seiner eigentlichen Art kennenzulernen. Wir waren zuvor zwar schon in Dschungelgebieten, in Guetemala, Laos oder bei mir in Kambodscha, aber die Artenvielfalt der Flora und Fauna war in Peru von einer uns unbekannten Qualität.
Vögel ohne Ende, Schmetterlinge unterschiedlichster Größe, Delphine, Riesenotter, Schlangen, Spinnen (in meinen Augen ein wenig zu viele), Krokodile und Piranhas durften wir hautnah erleben. Besonders das Wasser des Flusses, auf dem wir für vier Tage in zwei kleinen Einbäumen reisten war so voller Leben, wie ich es nie zuvor erlebt habe.
Und doch waren die Hemmungen gering gegen Abend in den braun schimmernden Fluss zu steigen, um sich ein wenig zu waschen, denn die goldene Regel tierischen Verhaltens: “90% aller Lebewesen laufen vor dir davon” traf auf die im Wasser lebenden Exemplare hinreichend zu.
Unerträglich dagegen war die Luft, besonders in den Abendstunden. Moskitos und mindestens zwei Dutzend weiterer stich- und beißwilliger Arten ließen auch trotz verschiedenster Repellent-Produkte nicht von uns ab. Unsere Guides erduldeten diese subtile Folter komplett ohne Schutzmittel meist auch noch in kurzer Hose und freiem Oberkörper. Es muss sich dabei um irgendeine kindliche Art der Selbstgeißelung handeln, anders ist dieses unvernünftige Verhalten nicht zu erklären. (Und ja, es gibt einen Unterschied zwischen fünf und fünfundzwanzig Stichen am Körper!!)

Auf den Bildern die ich angehängt habe, ist aber noch viel mehr zu sehen. Der Besuch eines Marktes in Chachapoyas, ebenfalls im Norden von Peru und der Trip zu den Gokta-Wasserfällen nahe Chachapoyas.
Ich hoffe bald möglichst nach unserem morgigen Trip Bilder einstellen zu können.

Posted 5 years, 11 months ago at 03:28.

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In Ecuador

Südamerika. Der letzte Abschnitt meiner Reise. Der Beginn war wie immer auf einem neuen Kontinent etwas seltsam. Wegen schlechten Wetters konnte unsere Maschine nicht wie geplant in Quito landen und musste deshalb nach Guayaquil ausweichen. Die größte Stadt Ecuadors hatten wir eigentlich nicht in unserer Grobplanung vorgesehen. Schon gar nicht am Flughafen um drei Uhr nachts. (Wer übrigens die offizielle Bezeichnung des Flughafens fehlerfrei aussprechen kann, darf sich der spanischen Sprache mächtig heißen: Aeropuerto de Guayaquil José Joaquin de Olmedo) Netterweise schenkte American Airlines dem gesamten Kabinenraum eine Nacht im nahegelegenen Marriott Courtyard. Leider konnten wir den Luxus mit Flachbildschirm und Handtuchüberfluss nicht wirklich genießen, da unser Rückflug nach Quito schon fünf Stunden später anstand.

Quito unterscheidet sich grundlegend von Panama City oder San José. Erstens fehlt es der Stadt am tropischen Klima und zweitens merkt man ihr ihre koloniale Geschichte noch deutlich an. Auf 2800m nur 20km südlich des Äquators gelegen, erstreckt sich die Stadt auf einem schmalen Plateau scheinbar ewig in die Länge. So dauerte die Fahrt mit dem Bus von unserem zentral gelegenen Hostal hin zum südlichen Busbahnhof über eine Stunde. Und doch hat Quito dank seinem neuen Stadtkern mit den Shoppingmalls und Restaurants ein modernes Gesicht, das dem von Panama City oder San José ähnelt. Meist schmucklose Betonzweckbauten prägen dann das Stadtbild und wirkliche Anziehungskraft will sich nicht einstellen. Vielleicht vermag Lima hier mehr Eindruck zu hinterlassen.

Womit Ecuador mich jedoch sogleich beeindrucken konnte, waren seine Berge. Die Anden laufen breit von Nord nach Süd durchs Land, dessen höchste Spitzen über 6000m erreichen. Von Quito bewegten wir uns den Bergen folgend langsam Richtung peruanische Grenze. In Latacunga, der zentralen Stadt der Provinz Cotopaxi (zugleich der Name des überall sichtbaren Vulkans mit 5800m)stoppten wir, um den Quilotoa Loop zu „machen“ – frei übersetzt nach einem Ausdruck eines fellow travellers, der auf die Frage wo er gerade herkomme antwortete: „I did the Quilotoa Loop!“. Quilotoa ist der Name eines Dorfes und eines auf 3900m gelegenen Vulkansees. Beide liegen (dicht beieinander) im Westen der Provinz etwa 80km von Latacunga entfernt. Zum Loop wird das Ganze bei einer Rundfahrt von Latacunga aus mit dem See als äußerste Station. Mehrere Siedlungen und Dörfern auf dem Weg, die wenn auch zu unmenschlicher Zeit (3-4 Uhr morgens), so doch alle von Bussen angefahren werden, lassen viele Variations- und Gestaltungsmöglichkeiten zu. Wir fuhren nach Insinlivi, einem kleinen Dorf mit 300 Einwohnern, wo wir zwei Tage blieben. Das einzige Hostal im Ort war das sog. Llullu Llama, ein sehr schmuckes Häuschen, da stark an eine schweizer Berghütte erinnerte. Die Eigentümer waren in Latacunga und eine Familie aus der näheren Umgebung kümmerte sich um den Betrieb.. Fünf Zimmer hatte das Haus, die direkt an ein gemütliches Wohnzimmer grenzten. Das Bad befand sich in einem Anbau, der nur über den kleinen, am Nachmittag sehr lieblichen Garten zugänglich war. Die Küche konnten wir leider nicht benutzen, vielmehr gab es morgens und abends zwei feste Mahlzeiten für uns. (Was dazu führte, dass wir spätestens um eins anfingen Chips und Kekse zu essen, da ein richtiges Mittagessen nirgendwo aufzutreiben war.) Neben uns verbrachte nur Ruth, eine amerikanische Kunstlehrerin aus Colorado die Nacht dort. Vom namensgebenden Lama, zwei Schweinen, einem Hund und einer Katze abgesehen. Der erste Abend wurde nach dem reichlichen Abendessen faul vor dem Ofen verbracht. Sofas, alte Sessel und zwei Bücherregale luden fast zwingen dazu ein.
Die fast heimelige Atmosphäre sollte den zweiten Abend leider nicht mehr überleben. Aus drei wurden zwölf vor dem gemütlichen Ofen und die fünfköpfige amerikanische Familie (plus Schwester des Oberhauptes, alles Lehrer), ein stark mitteilungsbedürftiges australisches Ehepaar (beide Lehrer) und zwei neuseeländische Schwester verwandelten die Szene mit englischem Geschnatter in etwas völlig anders.

Die nächsten zwei Tage verbrachten wir mit Ruth zusammen im Gelände. Es galt riesige Canyons zu überqueren und gleich darauf über die nächste Bergkette das Tal zu wechseln. Bei wunderschönem Wetter ging das so sieben Stunden lang, aber die fantastischen Ausblicke entschädigten uns für die Anstrengungen. Den Weg nach Gilotoa am zweiten Tag mussten wir nach drei Stunden abbrechen, da es zu regnen anfing und da noch drei Stunden Bergsteigens zu absolvieren waren, führen wir mit einem Lehrer der örtlichen Dorfschule den Rest des Weges in seinem Pick-Up. Zuvor galt es aber vom Fluss am Fuße eines der breiten Canyons hinauf zu dessen Rand zu klettern. Wirkliche Wege, denen man folgen konnte, gab es dabei nicht. Vielmehr hatten wir die Wahl zwischen vielen mehr oder weniger breiten Pfaden den Hang hinauf. Wie gewöhnlich gab es einen Hauptpfad, den vor allem die Esel und Pferde nehmen sowie unzählige Abkürzungen, die steil hinauf führten.
Auf dem sandigen Boden findet man auf diesen (vor allem als zwei Meter großer Mensch) bisweilen kaum Halt, so dass man sich streckenweise gezwungen sieht auf Händen und Füßen irgendwie nach oben zu gelangen. Warum ich nicht den „einfacheren“ Eselpfad genommen habe? Weil wir unseren Weg mit einer Horde Grundschulkinder teilten, die den einstündigen Aufstieg an fünf Tagen der Woche zu unternehmen hatten und ausgelassen spielend immer den direktesten Weg zu nehmen schienen. Mit der Überzeugung doch wenigstens die Fitness von sechsjährigen zu besitzen, versuchte ich anfangs mit ihnen Schritt zu halten, sah mich aber bald mit der Wirklichkeit und der Ausdauer dieser Kletterbande konfrontiert und gab mein Vorhaben auf.
Man stelle sich einmal deutsche Schulkinder mit einem derartig höllischen Schulweg vor. Jeden Tag 500 Höhenmeter runter und am Mittag wieder hoch und das auf rutschigen, unbefestigten Pfaden, deren Steilheit jeden falschen Schritt zum letzten werden lassen kann. Dieser Gedanke hat mich damals dazu veranlasst ein kleines Mädchen anzuhalten, das mit offenen Schnürsenkeln allzu nah am Abgrund herumtollte, um ihr ihre Schuhe zu binden. Was deutsche Eltern wohl dazu sagen würden?

Den letzten Tag des Treks ging es dann nach einer eiskalten Nacht (das kleine Holzöfchen und die vier Wolldecken konnten leider nicht über die 4000 Höhenmeter hinwegtäuschen) einmal um den Quilotoa Kratersee.
In dem kleinen Dörfchen Quilotoa war an fast jedem Haus ein Schild mit der Aufschrift ‘Hostal’ zu sehen und überhaupt schien der Touristrom, dem wir bislang fast vollständig aus dem Weg zu gehen im Stande gewesen waren, hier seinen Höhepunkt zu finden. Wir teilten uns das Abendessen mit geschätzten 40 Leuten, zu viele davon aus dem Amiland (man merkt das immer zugleich an den affektierten oder ‘That´s amazing!’ Aussprüchen am Nachbartisch)
Trotzdem trafen wir auch nette Menschen. Einen deutschen FSJ´ler, der ein Jahr an der ecuadorianischen Küste verbracht hatte und jetzt ein wenig Urlaub machte sowie Francesc, einen schlaksigen Katalanen, mit dem wir noch heute unterwegs sind. (Er lieg im Übrigen gerade mit Malaria im Krankenhaus hier – nicht so doll -_-)
Der Trek um den Krater sollte unsere schon etwas angeschlagenen Körper noch einmal fordern. Auf 4000m ging es in sechs Stunden immer der Kraterlinie folgend um den See. Sie war leider alles andere als gradlinig und wir musste bei teils starkem Wind wieder einmal ein ständiges Hoch-und-Runter erdulden. Und doch machte das Ganze sehr viel Spaß. Die Landschaft ist atemberaubend und die Kletterei belohnt einen nach jedem Gipfel mit neuen Ausblicken (meistens auf einen steilen Pfad den Fels hinunter und den nächsten ebenso teil hinauf).
Nach einer kurzen Nacht ging es am nächsten Morgen um halb fünf zurück nach Latacunga. Das deutsche Halbfinale sollte um neun beginnen und in Quilotoa hatte es leider keinen Fernseher. Was tut man nicht alles für den Fußball?

(Nur um dann heute von einer miesen Leistung der Deutschen enttäuscht zu werden. Jetzt heißt es: Alle Unterstützung gilt den Oranjes!!!)

Posted 6 years ago at 04:10.

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Nicaragua, Panama und eine Nacht im Merriott

Es ist schon wieder einige Zeit seit dem letzten Eintrag vergangen. Inzwischen haben wir drei (vier mit den USA) Länder hinter uns gelassen und ich befinde mich jetzt offiziell auf dem letzten Teil meiner Reise.
Nicaragua und Panama sowie eine eintägige Reise durch Costa Rica waren die letzten Stationen in Mittelamerika. Während Nicaragua noch einiges an Charme besaß, gefiel mir Panama nicht mehr so gut. Zu sehr sieht alles aus wie in den USA, besonders in Panama City, wo sich eine Hochhausfront vor dem Meer auftürmt und eine Shoppingmall neben der anderen aus dem Boden sprießt. Aber nicht nur die Hauptstadt erinnert an den großen Bruder im Norden, auch kleinere Dörfer (jedoch nie klein genug, um nicht noch einen riesen Wal-Mart dort unterzubringen) werden von amerikanischen Rentnern überrannt, die sich Swimmingpools vor ihre Häuser stellen und ihre fetten SUVs zum Einkaufen vor dem Wal-Mart parken. Alles nicht so meins. Da habe ich Guatemala besser in Erinnerung, wo sich eine eigene Kultur etabliert hat, die zwar unleugbar von der amerikanischen beeinflusst, jedoch nicht von ihr ersetzt worden ist.

Es gab jedoch auch schöne Passagen in Panama. So war der Besuch des Panama-Kanals sehr beeindruckend und unser kurzer Abstecher nach San Blas, einem weitläufigen Archipel, das von den Kuna bewohnt wird, wohl meine schönste Insel-Erfahrung überhaupt. Man stelle sich vor der Küste verteilte Inseln vor, auf denen zwischen zwei und vielleicht dreihundert Palmen stehen. Unsere Insel gehörte wohl zu den größeren, jedoch war auch sie in vielleicht 15min umrundet. Drei Familien lebten auf hier noch ausschließlich vom Fischfang (und natürlich von uns) und ohne Strom und Wasser fühlte man sich stellenweise wie auf einer einsamen Insel. Für 15$ am Tag wohnten wir in unserer eigenen Hütte und bekamen drei Mahlzeiten am Tag (Darunter zweimal frischer Fisch mit Reis und Bohnen) und irgendwie hatte unser Gastgeber einen Kühlschrank auf Gasbetrieb umgebaut, so dass es sogar kaltes Bier zu trinken gab. Was braucht es mehr für eine gute Zeit? Leider hatte es keinen Fernseher, so dass wir das erste Deutschlandspiel im kolumbianischen Radio hören mussten. Ein Moderator mit unmenschlicher Sprechgeschwindigkeit und in die Moderation eingebaute Werbeunterbrechungen (”Banco Columbia. Este es su banco”) alle zwanzig Sekunden – kein Spaß! – machten daraus leider kein großes Vergnügen. Die vier Toren (GOOOOOOOOOOOOOOOL!!!11) haben wir dann aber doch mitbekommen.

Nach einem kurzen Besuch beim Arzt, der uns beiden Gardia, eine Parasitenart, diagnostizierte ging es dann in den Flieger Richtung Ecuador. Wir sollten gegen halb elf abends in Quito landen, jedoch hatten wir eine Stunde Verspätung und über Quito war es dem Piloten zu Wolkig, so dass wir in den Süden des Landes zum nächsten Flughafen ausweichen mussten. Um halb eins Nachts dort angekommen wurde uns mitgeteilt, dass wir nicht mehr weiter fliegen würden und wir alle im Marriott-Hotel nahe des Flughafens untergebracht werden sollten. Nach weiteren zwei Stunden des Wartens ging es dann per Shuttel ins Hotel, wo wir ein 140$ Zimmer bezogen. Die Betten hatten drei Kopfkissen, das Zimmer eine eigene Kaffeemaschine und überhaupt gefiel das Ganze doch sehr gut. Nach fünf Stunden Schlaf und einem leckeren Frühstücksbuffet ging es dann aber auch schon wieder zurück in den Flieger.

Jetzt sind wir in Quito, mal wieder auf knapp 3000m und irgendwie schon wieder krank. Ich glaube beinahe wir haben unseren Parasit trotz Medikation nicht ganz losbekommen. Die Anne war gestern schon wieder in der Klinik, jedoch ergaben Blut- und Stuhltest nichts auffälliges. Jetzt wurde uns von einer netten Deutschen eine strikte Diät mit Wasser und Hühnerbrühe empfohlen. Mal sehen ob es uns damit besser geht.
Morgen wird erstmal der deutsche Sieg gefeiert und dann sehen wir weiter. Vielleicht ist es auch die Unsicherheit über das morgige Weiterkommen, die uns so schwach fühlen lässt. Oder die Kälte oder die Höhe oder was auch immer…

Posted 6 years, 1 month ago at 16:06.

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Über das Reisen

Der Begriff „Reisen“ in seinem eigentlichen Sinne bedeutet für mich die aktive Fortbewegung von einem Ort zum nächsten ohne sich länger als zwei Tage an einem Ort aufzuhalten. So gesehen ist der Verlauf meiner Weltreise bislang nur teilweise eine wirkliche Reise. Oft nämlich verweilt man ein einem Ort, genießt den Stillstand und die Ruhe und bewegt sich nicht weit weg von seinem improvisierten Zuhause. Denn Reisen ist auch anstregend. Auch wenn man das daheim mit seinem acht Stunden Arbeitstag anders beurteilen mag. Jeden Tag Neuem ausgesetzt zu sein, sich einen neuen Platz für die Nacht suchen zu müssen und am nächsten Morgen den Rucksack wieder packen zu müssen. All das schlaucht auf die Dauer.
Entscheidet man sich jedoch zu reisen, so hat man die Wahl zwischen den verschiedensten Fortbewegungsmitteln, vom Fußmarsch bis hin zum Flugzeug. Jedes unterscheidet sich hinsichtlich der Dinge, die man sieht und erfährt und der Menschen die man auf der Reise trifft. Für beides verantwortlich zeigen sich die Kosten und vor allem die Geschwindigkeit einer Reise. Je langsamer man sich fortbewegt, desto mehr erlebt man, desto enger ist der Kontakt zu den Menschen, die in der Region leben, die man durchreist. Im Folgenden also ein Plädoyer gegen die Flugreise und für die simpleren Formen der Fortbewegung (oder doch anders herum?)

Fährt man beispielsweise mit einem Boot, so besteht die Einzigartigkeit der Reise in der Kombination aus beständiger, schneller Fahrt und der Möglichkeit, wie beim Gehen, seine Umwelt zu betrachten. Kein Autodach nimmt den Blick zum Himmel und kein Glas versperrt die Sicht auf die umgebende Umwelt. Die Flussreisen im Norden Honduras waren eben dieser Art. In einem langen Boot durchstreiften wir mal enge Kanäle, die sich durch den dichten, feuchten Dschungel zogen. Mal breite Lagunen, deren Ausmaß den Horizont wie den des Meeres erschienen ließ. Das einzige Geräusch ist das des Motors und nur die brennende Sonne lässt einen von Zeit zu Zeit aus seinen Gedanken schrecken, wenn sie sich hinter den Wolken hervorschiebt.
Es gibt jedoch auch andere Bootsfahrten. Wenn nämlich die Zahl auf dem kleinen Motor am Heck des Fahrzeugs nicht 40, sondern 200 anzeigt, ist dies ein eindeutiger Hinweis für den Verlauf der Fahrt. Nicht beschauliches Dahingleiten, sondern ein harter Ritt erwartet einen dann. Motor und Kapitän unserer letzten Bootsreise nach Puerto Limpira, der „Hauptstadt“ der Miskitos im Nordosten von Honduras, schienen dann auch noch eine perfekte Symbiose eingehen zu wollen. Ein junger, muskulöser Miskito, der Spaß daran hatte mit seiner übergroßen 9mm Pistole in die Luft zu schießen, während er mit Vollgas durch enge, dicht bewachsene Wasserstraßen heizte, ist fast schon das perfekte Klischee für den Fahrer eines 200PS Motors. Spaßig war es trotzdem, zu mindestens solange bis wir auf die nächste Lagune stießen, in der der Wind das Wasser zu kleinen Wellen auftürmte. Hier fühlt sich eine Fahrt mit geschätzten 60km/h dann nicht mehr so lustig an. Bei jeder Welle fühlt man sein Rückgrat ein Stückchen nach oben wandern und spürt förmlich die blauen Flecken an seinem Hinterteil entstehen.
Wieder anders sind Busfahrten hier in Zentralamerika. Alte, ausrangierte amerikanische Schulbusse werden sowohl für den Stadtverkehr, als auch für größere Strecken gebraucht. Das Reisen in den bunt angemalten Bussen, in denen ein Jesusbild den anderen den Platz über dem Fahrersitz streitig zu machen scheint, ist immer ein Erlebnis. Schon vor dem Beginn der Fahrt wird man von den verschiedensten Verkäufern dazu angehalten Früchte und kalte Getränke zu kaufen. Langsam schieben sich die Männer und Frauen durch den engen Bus und preisen ihre Waren an: „Helados, Helados. Solo cinco Peso“. Die Tatsache, dass man meist schon der vierte Eisverkäufer innerhalb der letzten zehn Minuten ist, der durch den Bus läuft, schreckt die Menschen dabei nicht ab, es trotzdem noch einmal zu versuchen. Dann gibt es auch immer wieder Prediger, die mal mit geschlossenen Augen, mal mit zum Himmel gestreckten Händen Gott lobpreisen und anschließend durch den Bus laufen, um Spenden zu sammeln.

Leider ist das Reisen in diesen Bussen für mich nicht immer angenehm, da es sich – wie schon gesagt – um alte Schulbusse handelt, die für kleine Kinder und nicht für 2m große Männer konzipiert worden sind. Mit Glück erwischt man eine Bank, deren Abmessung es erlaubt sich tatsächlich gerade in selbige zu quetschen. Man kann sich dann zwar nicht mehr bewegen, aber bei kurzen Strecken bleibt das Ganze erträglich. Anders jedoch bei meiner letzten Busfahrt. Von Puerto Cabeza, im Osten Nicaraguas nach Managua, der Hauptstadt des Landes sind es knapp 500km. Auf deutschen Autobahnen eine Strecke, die man in fünf bis sechs Stunden hinter sich bringen kann. Für uns sollte die Reise jedoch 19 Stunden dauern. Man kann sich den Zustand der „Straße“ vorstellen, die die Dauer für eine solche Strecke dermaßen in die Länge zieht. Zeitweise fühlte es sich, als ob der conductor sich einen Pfad in diesem Meer aus Schlaglöchern und tiefen Pfützen suchen musste. Wild schaukelnd fuhr man so die ersten sechs Stunden auf einer schmalen Schotterpiste durch eine riesige Ebene. Nichts als spärliches Gras und vereinzelte dünne Bäume waren zu sehen. Um zehn Uhr mittags gestartet kam man gegen fünf Uhr abends zur ersten größeren Siedlung, wo der erste und einzige Stop dieser qualvollen Reise stattfinden sollte. Nach dem typischen Essen, das aus Reis mit Bohnen, Krautsalat und Hühnchen bestand sowie einem Besuch des im Garten gelegenen Plumpsklos ging es auch schon weiter. Das Problem ist nicht der nicht vorhandene Platz für die Beine, sondern vielmehr das Fehlen jeglicher Kopfablage. Wer schon einmal 19 Stunden ohne Kopfablage in einem alten Schulbus über die Felder Nicaraguas gefahren ist, wird das bestätigen können. Man wird müde, aber das beständige Schaukeln lässt einen keinen Schlaf finden und irgendwann gibt man es auf es weiter zu versuchen. Die letzten 13 Stunden verbringt man dann in einer Art komatösem Dämmerzustand, aus der man dann gegen Morgen doch noch in Schlaf überzugehen vermag.

Spätestens hier fragt man sich dann, warum man nicht einfach die knapp 70€ mehr für ein Flugticket bezahlt hat. Statt 19 Stunden im Bus fliegt man die Strecke so in 1,5 Stunden. Statt total gerädert, steigt man beinahe erfrischt aus seinem Flugzeug und verbringt den Tag nicht im Bett, sondern kann die Stunden für Sinnvolleres nutzen (Bei 40°C durch Managua laufen, beispielsweise). Und doch: Fliegen geht gar nicht. Wird man nicht gerade dazu gezwungen, stellt jede Flugreise eine Art Kapitulation dar. Wer das wirkliche Reisen, also die Fortbewegung durch Land mit Leuten, nicht erträgt, der soll doch bitte zuhause bleiben. Ich bin schließlich kein Tourist, sondern Backpacker!

Posted 6 years, 1 month ago at 03:27.

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Da wo der Pfeffer waechst (Teil Zwei)

Der nächste Tag sollte besser werden. Wir stiegen gegen fünf Uhr morgens aus unserem Zelt und stellten fest dass Adonis schon aufgestanden war. Wir bekamen süßen Kaffee und Cornflakes in warmer und ebenso süßer Milch. Äußerst gewöhnungsbedürftig in meinen Augen. Zum Glück sollte sich Adonis im Laufe des Treks noch als äußerst fähiger Koch herausstellen. Anders kann man es nicht nennen, denn um aus Lebensmitteln, die bei 38° tagelang auf einen Esel verschnürt durch die Gegend getragen werden, ein leckeres und schnelles Essen zu machen, ist nicht leicht in meinen Augen. Nach dem Frühstück liefen wir los.

Der Wald veränderte sich ständig. Mal lief man über schmale Trampelpfade mitten durch den Dschungel. Weiter als fünf Meter in den Wald hinein konnte man dann nicht sehen. Zu dicht war der Wuchs der Pflanzen. (Ich habe im Übrigen mehrere meiner ehemaligen Zimmerpflanzen in ihrer natürlichen Umwelt sehen können. Das lässt mich gerade an sie denken… Wie geht’s meinen Pflanzen eigentlich Paps?) Mal über die Überreste der alten Mayastraße, die in früheren Zeiten El Mirador mit Tintal verband. Von der Straße an sich waren zwar nur noch vereinzelte Steinbrocken zu sehen, aber durch die massive Steinbasis wuchsen auf ihr keine der größeren und dickeren Bäume. So konnte man das volle Ausmaß dieser antiken Autobahnen bewundern. Gute zwanzig Meter breit müssen sie gewesen sein und auch heute noch ziehen sie eine schnurgerade Linie zwischen mehrere der alten Städte und Tempel. Entlang der Straße sahen wir immer wieder größere Steinhaufen, die Adonis fachkundig als Häuser identifizieren konnte. Auch eine Art Tor haben wir passiert. Bzw. den riesigen Haufen Stein mitten auf der Straße. Hier wie überall sonst auch waren Furchen in die Überreste gegraben. Laut Adonis (und Wikipedia) sollen jährlich Mayazeugnisse, wie Vasen und Teller, im Wert von mehreren Millionen Euro aus dem Land geschafft werden. Wir konnten in El Mirador selbst ein paar Tongefäße in unseren Händen halten, die von den Wächtern an den Ausgrabungsstädten gefunden wurden. Keine Ahnung, was gerade die heute für einen Wert haben, aber dem Wert meiner Reisekasse sollten sie schon entsprochen haben.
Nach einer ausgedehnten Mittagspause (die alle zu einem Nickerchen nutzen) kamen wir nach sieben Stunden an den Ausläufern El Miradors an. Eine Stunde vor der eigentlichen Stadt fanden wir die erste Tempelruine, die vollständig vom Dschungel befreit worden war (Von ein paar Bäumen, deren Wurzeln sich in den Stein zu krallen schienen abgesehen). Adonis zeigte uns eine kleine Tür, die in den Bau führte. Stockfinster und in meiner Fantasie voller Spinnen und anderen ungemütlichen Dschungelbewohnern (Stichwort: Indyyyyyyyy!!!!) zeigte sich uns ein schmaler und viel zu tiefer Gang. Ich musste mich zwar nicht auf allen Vieren durchkrabbeln, aber an Stehen war auch nicht zu denken. Bewundernswert war jedoch die Konstruktion: Das ganze war ein uraltes Giebelgewölbe, das die Vegetation und die Jahre unbeschädigt überstanden hatte. Es führte tiefer unter die Anlage, aber mehr als eine enge Krabbelaktion, die in einem sehr kleinen Gang mündete, habe ich mir nicht antun können. Für die Saskia wäre das nichts gewesen. Überhaupt nichts =)

Nach dieser kleinen Exkursion und weiteren 45 Minuten kamen wir dann endlich in El Mirador an. Die Anlage an sich ist zwar monströs, aber durch den dichten Wald, der nur von vereinzelten Pfaden durchkreuzt wird, sah das Ganze anfangs sehr überschaubar aus. Wir bauten unser Zelt auf einer großen Lichtung auf, die auch als Hubschrauberlandeplatz gebraucht wird. In der Nähe waren ein paar größere Hütten zu sehen, die von den drei Wächtern und den bis zu 40 Archäologen, die hier im Mai für vier Monate mit Unmengen an Eseln und Helfern anrücken, benutzt werden. Außerdem eine riesige Stahlkonstruktion, die sich sogar fast über den Bäumen etwas von unserem Zelt entfernt erhob. Sie diente dem Schutz einer Ausgrabungsstätte vor dem Regen, der den ganzen Wald für wenige Monate im Jahr in ein schlammiges moskitoverseuchtes Etwas verwandelt. In genau dieser Zeit jedoch allein ist Leben und Arbeiten für größere Menschenmengen möglich. Den Rest des Jahres ist so wenig Wasser vorhanden, das eine durchgängige Eselkette die 50 Kilometer nach Carmelita nötig wäre, um genügen Wasser vorzuhalten.

Nach einem leckeren Essen bestiegen wir El Tigre. Die Pyramide muss damals massiv gewesen sein, zu mindestens ließ die Größe des Geröllhaufens darauf schließen. Auf der obersten Plattform konnte man sogar noch gut die Struktur der drei kleinen Bauten erkennen, die hier einst den Maya dazu dienten astrologischen Beobachtungen durchzuführen. Der Blick war fast identisch mit dem, was wir schon in Tintal erleben durften. Nichts als Wald, wohin man blickte. Und doch war ein Unterschied auszumachen. Wenn man genau hinschaute, sah man überall kleine Erhebungen im Wald vor uns. Das waren andere Tempel der Stadt und des damaligen Umlands. Auch die Flächen, die von den Maya zum Maisanbau verwendet wurden, konnte man deutlich ausmachen. Hier waren die Bäume wesentlich kleiner und das Ganze erinnerte schon fast an eine Steppe.
Nach einer sehr verdienten Dusche mit Regenwasser, das man extra den Wächtern abkaufen musste, servierte Adonis uns Té Pimienta. Das war heißer Tee aus den jungen Blättern des Pfefferbaumes, der leicht gesüßt unglaublich lecker schmeckte (Die Anne hat auch gleich versucht Blätter mitzunehmen. Aber wenn man sie nicht anständig trocknet, verfaulen die dann doch recht schnell) Um unseren Wasservorrat zu sparen, tranken wir den ganzen nächsten Tag nichts anderes. Wir starteten den Tag wieder einmal sehr früh und erkundeten einen Teil der Ausgabungsstätten, wo wir beeindruckende Basisreliefs und weitere Tempel sahen. Bis auf den Danta Komplex, den wir gegen Nachmittag besteigen sollten, war alles noch „work in progress“, d.h. so wie es die Archäologen im letzten Jahr hinterlassen hatten. Schwer zu beschreiben, aber ich fühlte mich wie in einer Folge der legendären Reihe Terra-X. Überall waren Planen gespannt, um die Formationen vor dem Regen zu schützen und beschriftete Säcke mit Steinfragmenten lagen säuberlich aufgereiht auf groben Tischplatten. Auch Tiere sahen wir einige. Allen voran große pavos (eine Art Truthahn-Pfau-Mischung) die sich in der Paarungszeit zu befinden schienen. Auch monos aranjas (Spinnenaffen) die in den Bäumen über uns wohnten und nur an ihrem Schwanz hängend auf uns herabblickten. Außerdem fing Adonis einen Skorpion für uns ein (siehe Bild) und auf dem Weg zurück sollten zwei Schlangen unseren Weg kreuzen.

Wir gingen am nächsten Morgen den Weg zurück, den wir die ersten zwei Tage schon kennenlernen durften. Im Grunde wiederholte sich alles noch einmal und gerade der vierte Tag war wieder sehr anstrengend. Nach einer letzten Nacht und weiteren 5h kamen wir dann wieder in Carmelita an, gaben die Esel zurück und warteten auf den Bus. Die Fahrt sollte 4h dauern, da zuerst einem liegen gebliebenen Pick-Up wieder auf die Beine geholfen wurde und später ein halbstündiges Rangiermanöver mit einem Sattelschlepper anstand. Irgendwann aber kamen wir an und freuten uns schon auf ein anständiges Bett und ein paar Tage Relaxation.

Beides sollten wir dann auch erhalten und rückblickend war der Trip sein Geld und seinen Schweiß mehr als wert. Heute sind wir schon wieder ganz wo anders. In Honduras und kurz vor unserem nächsten Trip nach Nicaragua. Die nächsten Tage werden wir ohne Internet auskommen müssen, da uns der Weg über die Nordküste von Honduras in abgelegenes Gebiet führt. Aber auch das werden wir überleben. Bin ganz sicher =)

Posted 6 years, 2 months ago at 18:13.

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Da wo der Pfeffer wächst (Teil Eins)

Wir hatten von El Mirador in Quetzaltenango von einem Guatemalteker gehört. Er empfahl uns den gesamten letzten Teil unserer Reise durch Guatemala. Von Flores über Rio Dulce bis zur Grenze nach Honduras. Den Teil, in dem wir uns augenblicklich befinden. Nach knapp acht Wochen in Guatemala werden wir wohl im Laufe der nächsten Woche nach Honduras kommen und so langsam auch nach Nicaragua, dem eigentlich nächsten Ziel.

Doch zurück zu den letzten sieben Tagen, von denen wir uns inzwischen langsam zu erholen beginnen. Wir hatten uns langsam über Coban Richtung Petén begeben, dem spärlich besiedelten Norden des Landes der sich durch seine Flachheit, der Hitze und seine riesigen Wälder auszeichnet. Auch wenn die heutige Mayabevölkerung Guatemalas eher in den Bergen des südlichen Hochlands leben, so hatten ihre Vorfahren ihre Blütezeit in den Wäldern des Nordens. El Mirador war in der präklassischen also vorchristlichen Zeit eine der größten heute bekannten Metropolen der Mayas. In ihr lebten bis zu 100.000 Menschen. Die Tatsache, dass hier eine der größten menschgemachten Pyramiden errichtet wurde, spricht für die enorme Macht und das Wissen der damaligen Herrscher. Zehntausende schufteten für den Bau der 61m hohen Pyramide, die heute “El Tigre” genannt wird.

Sie und der durch Ausnutzung des Geländes optisch größer wirkende “Danta-Komplex” sollten wir jedoch nicht gleich zu Gesicht bekommen. Vielmehr mussten hierzu erstmal knapp 50km Dschungel durchquert werden. Der gesamte Stadtkomplex mit seinen über 260 archäologisch relevanten Einzelteilen ist nicht, wie die Tempelanlage des nahen Tikals, über breite Straßen touristisch erschlossen und sieht deshalb auch nicht die selben Mengen an Besuchern. Nur knapp 2000 Menschen kommen überhaupt den langen Weg, den man im Übrigen – das entsprechende Kleingeld vorausgesetzt – auch per Helikopter zurücklegen kann. Dieser Aspekt und der herausfordernde Beigeschmack des gesamten Unterfangens waren dann auch die Hauptgründe warum wir uns schließlich auf den Weg machten.

Nachdem wir uns schnell gegen eine selbständige Tourplanung und -durchführung entschieden hatten (den ganzen Weg mit 25kg auf dem Buckel ist dann nochmal ne andere Sache), galt es nach unserer Ankunft in Flores einen Guide zu finden. Bei 36°C schon morgens um elf und zwischen den beiden Hinspielen der Championsleague Halbfinals gingen wir zur erst besten Travelagency neben unserem Hotel, die uns Adonis, einen Guide aus dem nahe am See gelegenen San Andres anbot. Er stellte sich uns auch gleich eine Stunde später persönlich vor. Entgegen den Erwartungen, die beim Klang seines Namens in uns geweckt wurden, war er klein mit Bauchansatz, hatte deutliche O-Beine und bereits einiges an Grau in seinen Haaren.
Durch seine offene Art und der väterlichen Fürsorge, die er austrahlte, war er uns jedoch gleich sympatisch. Der Preis für fünf Tage und vier Nächte mit Futter und genügend Wasser sowie zwei Eseln, die den gesamten Kram schleppen sollten, betrug 175$. Ich weiß zwar nicht warum er das Geld in US-Dollar haben wollte, aber mit diesem Angebot gingen wir vergleichen. Eine Straßenecke weiter nach dem Kauf einer Cola für den Weg und einem misslungenem Streifzugversuch der Anne durch guatemaltekische Ansichtsläden bekamen wir für exakt die gleiche “Leistung” 420$ angeboten. Wir sagten also bei Adonis zu und sollten am nächsten Abend von ihm abgeholt werden.

Am nächsten Tag bei brütender Hitze wurden wir von seinem Sohn, dessen Kindern, seiner Frau und ihm in einem uraltem Toyota abgeholt. Nach einem Abendessen aus der “Kantine” des gegenüberliegenden Sägewerks (wo die ganzen Tropenhölzer aus dem Wald für den Westen verarbeitet werden), das die Familie betrieb, wurde uns im Speisesaal das Zelt auf dem harten Betonboden aufgebaut. So schliefen wir den ersten Tag des Treks wie auch die restlichen immer auf dem Boden, nur mit einer dünnen Decke und unseren Cocoons bewaffnet.

Um fünf ging es dann raus, unser Zelt wurde uns quasi “unterm Arsch” abgebaut und nach einem gehetzten Frühstück bestiegen wir den Bus. Geladen hatten wir zwei große Maissäcke voller Zeug, vier Rucksäcke und drei alte Waschmittel Behälter aus Plastik, die knapp 10l unseres Wasservorrats beinhalteten. Das Ziel war Carmelita, ein totes Nest ohne Strom, das – so Adonis – hauptsächlich davon lebt Touristen und Archäologen Esel zu vermieten. Angekommen beluden wir unsere zwei ärmlich aussehenden Exemplare, die wir hart feilschend einer alten Frau entliehen hatte. Dann ging es los.
Was wir für die nächsten Stunden machen sollten war laufen. Laufen, laufen, laufen. Anfangs unterhielten wir uns mit Adonis, der uns unsere Fragen über die zahlreichen Insekten und Bäume zu beantworten versuchte (sehr bemüht um eine uns verständliche Version des Spanischen). Doch spätestens nachdem er sich wegen seines kaputten Knies, das er sich bei einem durch zuviel Alkohol und Mota induzierten Sturz vom einem der Tempel zugezogen hatte, auf den zweiten Esel gesetzt hatte, hieß es für uns Laufen um des Laufens Willen. Nach knapp fünf Minuten wechselte ich in den “Autopiloten”. Man läuft, ohne sich dessen bewusst zu sein seine Schritte und hängt dabei seinen Gedanken nach. Gedanken an große Mengen Wasser, die man nicht hat. An kalte Duschen und schattige Hängematten. Die letzten zwei Stunden waren hart. Die Füße meldeten sich zu Wort und fragten warum man sie solch ungewohnten und absolut unverdienten Belastungen aussetzt und bedankten sich mit Schmerzimpulsen, die sich zu dem Wunsch gesellen mal seine Beine durch ein kurzes Päuschen aufzumuntern. Doch jede Pause, das merkte ich schon am ersten Tag, verringert den zeitlichen Abstand zur nächsten. So befindet man sich schon nach ein paar Stunden in einer großen Dauerpause, die unmerklich in Schlaf übergeht. und darauf hatte ich mitten im Dschungel dann auch keine Lust.

Unser Trek sollte uns von Camelita über die Tempelruinen von Tintal nach El Mirador führen. Schon am ersten Tag shaen wir die ersten Spuren der Maya. Uralte Grabhügel mitten im Wald, die der Dschungel komplett verschlungen hatte. Grabräuber hatten breite Schneisen in die Felshügel (oder was davon übrig geblieben ist) gegraben, um an Grabbeilagen und Geld heranzukommen. Ich wäre als Grabräuber völlig überfordert. Erstens kann man ohne archäologische Kenntisse einen Steinhaufen nicht vom anderen unterscheiden und außerdem liegt der ganze Spaß nicht nur unter einem halben Meter dichtem Dschungel, sondern außerdem unter meter hohen Steinblöcken.

Relativ mit der Welt am Ende kamen wir am späten Nachmittag in Tintal an. Der Tag war sehr heiß gewesen und ich nicht im geringsten an fünf Stunden Laufen gewöhnt. Jedoch war der Wald aufgrund der Jahreszeit sehr trocken. Moskitos habe ich zum Glück nicht einmal zu sehen bekommen, wofür ich am Abend sehr dankbar war. Wir bestiegen bei Sonnenuntergang die Tempelruine von Tintal und genossen die tolle Aussicht: Nichts als dichter Wald so weit man sehen konnte. Die verschiedensten Grünschattierungen und die Geräusche des Waldes zusammen waren eine wirklich beeindruckende Kulisse. Am äußersten Horizont konnten wir sogar schon unser Ziel des morgen Tages sehen. Also fast. Es sah ziemlich weit entfernt aus…

Posted 6 years, 3 months ago at 00:56.

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Im Land des ewigen Frühlings

Während daheim in Deutschland wahrscheinlich langsam die ersten Frühlingsanzeichen zu erkennen sind, sind wir bereits die sechste Woche im sogenannten Land des ewigen Frühlings. Nachdem wir Xela und damit die inzwischen ungemütlich kalten Nächte und vermehrt bewölkten Tage verlassen haben, befinden wir uns jetzt 60km östlich von Coban nahe eines kleinen Dorfes mitten in den Bergen.
Vor majestätischen Hügeln fließt ein kleiner Fluss an dessen Ufern sich ein äußerst großzügiges ausgelegtes Hostel befindet, in dem wir jetzt schon bald eine Woche unsere Tage verbringen. Das Restaurant hier bietet jeden Abend riesige Mengen Essen in Form eines leckeren Buffets an und die Sonne läd zum Nichtstun und hartem Chillen ein.

Im Hinblick auf unseren geplanten Trek im Norden Guatemalas, der uns zu den mitten im Dschungel liegenden Ruinen der einst 50.000 Einwohner zählenden Mayastadt “El Mirador” führen wird, haben wir schon einige Spaziergänge in der Region unternommen. Neun Kilometer zum Nationalpark Semuc Champay, wo sich der unser Fluss hier in großen Kalksteinpools sammelt, in denen es sich vortrefflich schwimmen lässt. Heute Nachmittag werden wir wohl die zwei Kilometer entfernten Höhlen hier untersuchen, aus denen bei Sonnenuntergang mehrere Tausend Fledermäuse Richtung ihrer Jagtgebiete aufbrechen sollen.
Trotzdem fühle ich mich für unsere sechs Tages Tour durch den Dschungel noch nicht wirklich gewappnet. 6-8h strammen Marschs durch unbewohnten Dschungel fordert von uns wahrscheinlich mehr, als ich bin dato zu leisten vermag. Aber noch haben wir knapp eine Woche bis es losgeht und somit die Zeit unsere Beine an etwas Arbeit zu gewöhnen (wäre dieser Ort hier nicht so eindeutig zum absoluten Gegenteil prädestiniert).

Uns bleibt leider nur noch knapp ein Monat in Zentralamerika bis unser geplanter Flug von Panama City nach Quito, Ecuador geht. Das lässt leider sehr wenig Zeit für den kompletten Rest des Kontinents, der Anbetracht der sechs Wochen, die wir allein in Guatemala bislang verbracht haben, eine sehr zeit intensive Reisedestination darstellt. Wahrscheinlich buchen wir den Spaß mal wieder um oder streichen ihn ganz und folgen einem fixen Plan, der vorsieht am Beginn des Panamakanals auf einem Segelboot anzuheuern und straight zu den Galapagos Inseln zu segeln. Aber egal wie wir es schlussendlich anstellen, uns bleibt zu wenig Zeit für all Das, was hier möglich ist. ich fühle mich schon wieder an Indien erinnert, wo ich ebenfalls sechs Wochen verbracht habe, und nicht mal 10% des Möglichen zu Gesicht bekommen habe. (Herr Ruffing hat es da ein wenig besser angestellt)

Es gibt viele neue Fotos, leider lässt die Satelliten-Verbindung hier keine größeren Datenverschiebungen zu. Man darf sich sowieso schon mal auf ewig andauernde “Dia-Abende” freuen, auf denen ich meine Bilder zeigen werde. Nach allem was ich bislang gehört habe, soll sich das Interesse an solchen Veranstaltungen aber nach der Rückkehr der Betroffenen schnell verflüchtigen. Aber zum Glück haben wir auch noch mehrere Gigabyte an Videos mit im Gepäck =)

Posted 6 years, 3 months ago at 19:59.

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Bergsteigen. Der zweite Akt

Zu aller erst: Den ersten Akt gab es logischerweise auch. Jedoch war er eher uninteressant und vergleichsweise farb- und ereignislos. Der Vollständigkeit halber sei sein Ablauf trotzdem kurz erwähnt.

Letzte Woche Montag haben wir uns aufgemacht den Vulcan Tajumulco zu besteigen. Nach dem Vorbild mehrerer Leute, die wir hier in Xela kennengelernt haben, hieß es dafür 44km bis nach San Marcos, einer größeren Stadt westlich von Quetzaltenango zu fahren. Von dort aus weitere 45 Minuten in die Berge, wo wir am Fuße des Vulcans oder besser an einer einfachen Biegung der Straße vom Busfahrer aus dem Bus gelassen wurden. Wir befanden uns hier schon auf knapp 3000m, von einer guten Aussicht war allerdings keine Spur. Dichter Nebel ließ uns vielleicht 15m Sichtweise. Nachdem wir um halb acht aufgestanden waren, kamen wir hier gegen halb zwölf an. Wir hatten für den Aufstieg drei bis vier Stunden und für den Rückweg knapp die Hälfte eingerechnet und unser Bus zurück sollte um halb sechs von San Marcos aus gehen. Wer bis hier hin gut aufgepasst hat, wird feststellen, dass die Rechnung leider nicht aufgeht. Wir stiegen also „aus Spaß“ knapp 90min den Hügel hinauf. um uns mental und körperlich schon mal auf den zweiten Akt vorzubereiten.

Am Dienstagmittag dieser Woche starteten wir besser vorbereitet, d.h. mit mehr Zeit, wieder Richtung San Marcos. Wir übernachteten im Hotel Dubai, das seinen Rohbaustatus gerade hinter sich gebracht zu haben schien, und standen diesmal schon um viertel nach neun an derselben Straße im selben Nebel. Zusammen mit sechs Litern Wasser, zwei Mangos und ein paar Keksen ging es dann los. Sechs Kilometer und ca. 1200 Höhenmeter trennten uns wieder von Abstieg und knapp drei Stunden Busfahrt von unserem Endziel (welches für mich bereits um halb drei mein Bett darstellte). Die ersten zwei Kilometer ging es einen recht breiten Weg hinauf vorbei an letzten Hütten und Feldern mit Kühen und Gemüse. Der Boden bestand aus Vulkansand (ach nein) und war teils von breiten Furchen durchzogen, die aussahen, als würde hier in der Regenzeit einiges an Wasser herunterkommen. Nach einer Stunde kamen wir an die Stelle, an der wir das letzte Mal umgekehrt waren und die ersten großen Nadelbäume zeigten sich durch den Nebel. Das letzte Mal trafen wir hier auf eine Gruppe Jungendlicher, die mit Zelt und Schlafsäcken zum Gipfel unterwegs waren. Dieses Mal nur auf ein paar einsame Kühe, die wie alle Kühe auch irgendwie nur doof aus der Wäsche guckten. Ab hier wurde der Weg bereits deutlich schmaler, war aber noch gut als solcher zu erkennen. (Mit der Wegfindung hatten wir im Übrigen keinerlei Probleme, obwohl wir an diesem Tag keinem Menschen begegnet sind. Das lag aber nicht an meinen übersinnlichen Fähigkeiten im Fährtenlesen, sondern eher an der beständigen Spur zurückgelassenen Mülls.) Die nächsten Kilometer waren landschaftlich einmalig sehr abwechslungsreich. Wir liefen einen spärlich bewaldeten Kamm hinauf vorbei an Nadelbäumen auf moosbewachsenem Boden. Zwischenzeitlich sah das Ganze aber auch mehr aus wie eine breite Ebene an deren Seite das Gelände steil abfiel.
Der Nebel hatte sich in zwischen gelichtet und wir konnten bereits auf die dicke Wolkendecke im Tal vor uns blicken. Trotz der Höhe war es angenehm warm und ich lief sogar längere Zeit im T-Shirt. Mit der Höhe wurden jedoch unsere Pausen immer zahlreicher und deren Abstände geringer. Zwischenzeitlich machte ich nach jedem erreichten Baum eine kurze Atempause. Die Anne blieb immer ein Stück hinter mir (L), wir trafen uns jedoch immer dort, wo ich eine längere Pause brauchte. Erst nach vier Kilometern sahen wir erstmals die Spitze. Hätten wir sie früher schon gesehen, wäre das für unsere Moral nicht gerade förderlich gewesen, denn das Teil erhob sich nochmal deutlich von allem anderen um uns herum. Der finale Aufstieg erwies sich für mich als besonders anstrengend. Statt Kies oder gar Moos bestand der Boden hier aus größeren und kleinen Felsbrocken. Zusammen mit der Steigung ergab das mehr eine klassische Kletterpartie, als einen entspannten Sparziergang. Ich hatte während der letzten hundert Meter sowohl mit aufsteigender Höhenangst und den beiden Taschen, in denen ich Wasser und Essen verstaut hatte zu kämpfen. Letztere baumelten die ganze Zeit vor meinen Beinen, was meinem leicht panisch zu werdenden Endspurt mit 180 Puls nicht gerade gut tat. Als ich „oben“ ankam musste ich feststellen, dass die Bergspitze hier keine wortwörtliche Spitze besaß, sonder mehr eine breite, äußerst steinige Kuppe darstellen. Außer ein paar Blumen und Eidechsen war hier oben nichts zu sehen und hätte ich nicht so gehechelt, hätte ich absolut nichts gehört. Die Anne kam etwas nach mir heraufgekrakselt und wir machten uns gemeinsam über das verbliebene Essen her.

Viel Zeit „über den Wolken“ blieb uns jedoch nicht. Wirklich frei habe ich mich auch nicht gefühlt, da wir nur noch knapp zwei Stunden für den Abstieg hatten. Dieser sollte mich mehr nerven, als der komplette Aufstieg. Hier kann man seine Kraft nämlich besser einteilen, da man jeden Schritt und damit jeden Anstrengung selbständig ausführt. Beim Abstieg jedoch besteht die Anstrengung aus dem ständigen Abbremsen seines eigenen Körpergewichts, was nach einiger Zeit und mit zunehmendem Gefälle einfach tierisch auf die Eier geht. Ohne eine einzige Pause und nach ca. 90min kamen wir „leicht“ lädiert an der schmalen Straße an und warteten frierend und müde auf den Bus. Der Ausblick auf drei Stunden beengte Busfahrt auf kurvigen Bergstraßen trug dabei nicht gerade zu besserer Stimmung bei.
Bei Einbruch der Dunkelheit kamen wir wieder in Xela an. Um acht Uhr lagen wir im Bett. Muskelkater spüre ich noch keinen, aber mal sehen wie es mir morgen geht =)

Posted 6 years, 3 months ago at 04:52.

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Halbzeitanalyse

Vor knapp sechs Monaten bin ich von Frankfurt aus gestartet und nach einigen sehr unterschiedlichen Abschnitten mit verschiedenen Reisepartner/-innen bin ich jetzt in Guatemala und blicke auf die zweite Hälfte meiner Reise. Noch liegt einiges vor mir und doch auch schon einiges hinter mir. Um die Sache mal nicht mit Worten breitzutreten hier eine Halbzeitanalyse der anderen Art.

Der Schiri hat mal wieder nachspielen lassen und schon mehr als die vorgegebenen 45 Minuten sind bereits verstrichen. Die Mannschaften verziehen sich in die Katakomben, wo für 15 Minuten innegehalten und das Geschehene reflektiert wird. Es ist jetzt am Assistenten die Mannschaft für die nächste Halbzeit zu motivieren. (Und ein paar Moralpunkte an den Torhüter zu verteilen, der mal wieder zu oft kläglich versagt hat – wir sollten nochmal darüber nachdenken unsere 17 Jährigen Talente aus der Jugendmannschaft in der Liga auflaufen zu lassen) Da der Kerl nicht besonders gut mit Worten umgehen kann, beschränkt sich seine Analyse auf nackte Zahlen und unerotische Statistiken:

- 193 Tage
- 2 Kontinente
- 8 Länder
- 7 Hauptstädte
- 6 Inseln
- 8 Flüge
- 4x Selbstgekochtes Essen
- 0 Friseurbesuche
(Das wird auch noch den Rest der Reise durchgezogen)
- 140 GB neuer Musik
- Ca. 1.800 Fotos
(bereits aussortiert)
- 3 verschiedene Reisepartner
- Unzählige tolle neue Menschen darunter:

2 Holländer, 7 Deutsche, 2 Irinnen, 2 Ukrainerinnen, 3 Norwegerinnen, 2 Schweden, 3 Engländer, 1 Amerikanerin, 1 Kambodschaner, 1 Französin
- Viiiiiiele Tiere darunter:
Schlangen, Spinnen, Tiger, Fledermäuse, Glühwürmchen, Riesenwarane, Gazellen, Affen, Schafe, Kühe, Schmetterlinge, Ameisen, Ziegen, Pferde, Elefanten, Kamele, Büffel, Fische (die Anne hat ne vollständige Liste, für deren Anfertigung ich nach unseren Tauchgängen immer zu faul war), Katzen, Hunde, Ratten, Kakerlaken, Zirkaden, Geckos, Tausendfüßler, eine Zibetkatze, Pelikane, Schwäne, und ne Menge anderer Vögel deren Namen ich nicht mehr weiß.
- Gute und schlechte Biersorten, darunter:
BeerLao, Chang, Singha, Cabro, Gallo, Kingfisher, Angor, Tiger, Bintang, Ankor, San Miguel, Jaz
- Ein paar verzweifelte Versuche anständigen Wein zu finden (die alle scheiterten – besonders in Indien: BAH)
- Unzählige Reisen in:
Bussen, Taxis, Minivans, Zügen, Tuk-Tuks, Auto-Rickshaws, eine denkwürdige Fahrt auf einer Fahrrad-Rickshaw, Fähren, Wassertaxis, Fischerbooten, Mopeds (mit und ohne Gangschaltung), alten amerikanischen Schulbussen, Fahrrädern, Katamaranen, Elefanten und einem Wasserbüffel
- Äußerst leckeres Essen, darunter:
Indische Currys, Dal, Nan, Rotis, Chapatis, Parathas, Samosas (zum Frühstück arg gewöhnungsbedürftig =) Gelbe-, Grüne- und Rote Thaicurrys, Sticky Reis mit Mango, Nasi Goreng, Mie Goreng, Sandwiches (des Grauens in Laos), Schlange, Baracuda, Sweet Lip Fish, Blue Marlin, Tacos, Nachos, Tortillas mit allem Möglichen (Avocado, Bohnenmuß oder auch mal mit Nudeln)

- Ausgaben während der Reise:
Ca. 4000€ davon entfielen (basierend auf meinen Finanzstatistiken der letzten 48 Tage, die sich aber noch keiner statistischen Relevanz erfreuen kann)
- 36% (1.447€) auf Essen und Trinken. Davon 19% auf Alkohol (266€), 18% auf Getränke (260€) und 64% auf Essen (921€)
- 9% (358€) auf Transportausgaben. Davon 42% auf Busfahrten (151€), 28% auf Fährfahrten (101€), 15,5% auf Taxifahrten (55,8€) und 14% auf Zugfahrten (50€)
- 16,2% (648€) auf die Unterkunft
- 37,2% (1.488€) auf sonstige Ausgaben. Darunter Zigaretten mit 8,2% (119€), Wäschekosten mit 1,6% (24€) und 75% (1.116€) auf Kosten für Eintritte, Gebühren etc. Der Wert wird natürlich durch unseren Sprachkurs die letzten vier Wochen etwas verzerrt. Mal sehen, was sich da bis zum Ende noch so tut.
- Bester Kauf: Mein neuer IPod
- Schlechtester Kauf: Eine türkisfarbene Alibaba-Hose aus Indien. Das Teil war schon beim Kauf versifft und mehr kaputt als ganz. Und ausgehsehen hat das Ganze auch nichts. Ergo: Nie getragen und nach 1 Woche weggeworfen.(Kaufpreis lag aber auch bei unter einem Euro =)
- Verrücktestes Fernsehprogramm: Indien (Man muss es gesehen haben. Aber stundenlanges Gebrabbel (oder Gebete) von indischen Gurus im Fernsehen ohne Unterbrechung zu senden grenzt schon an Körperverletzung)

Die Spieler schauen nach dieser doch sehr theoretischen Halbzeitansprache etwas verdutzt. Der Torhüter wird ausgewechselt und die Taktik komplett auf SIEG umgestellt. (vier Stürmer, keiner im Tor) Die Mannschaft begibt sich nichtsdestotrotz wieder aufs Spielfeld und der Assistent schaut zufrieden. Nur der Trainer fragt sich, was seinen Assi da gerade geritten hat. Von was zur Hölle hat der Kerl da gerade gesprochen?

Posted 6 years, 3 months ago at 00:09.

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